„Mullah-Seminar“ – ich war dabei!

Bismillah

 

In den letzten Wochen konnten wir Zeuge einer antimuslimischen Kampagne der Springer-Presse sein. Ziel waren schiitische Muslime, die sich gegen Radikalisierung und für einen Islam der  Vernunft einsetzen. Nanu? Sollte man nicht gerade mit solchen Muslimen zusammenarbeiten?

Die Springer-Medien sind anderer Meinung und zwar nur deshalb, weil aus der Richtung der schiitischen Muslime am häufigsten Kritik an der israelischen Politik zu vernehmen ist. Und da verlässt dann wiederum den Springer-Verlag jegliche Vernunft und es wird gehetzt und gelogen was das Zeug hält. Recherche? Nicht nötig, wilde Spekulationen tun es doch auch. Und Springer behielt recht: mit dem Vorwurf, es handele sich um „Iranische Terror-Helfer“ und Antisemiten schafften sie es, die übliche zionistische und antideutsche Lobby zu mobilisieren und eine Reihe von naiven Unterstützern zu gewinnen die auf ihren Zug aufsprangen so dass schließlich das Ziel der Kampagne teilweise erreicht wurde. Denn dieses Ziel war, die Bundesfamilienministerin so unter Druck zu setzen, dass diese die Unterstützung für einen Workshop gegen Radikalisierung zurückzieht. Was dann auch einen Tag vor der Veranstaltung geschah.

Was die Kampagne nicht erreichte, war dass dieser Workshop nicht stattfand. Und so fanden  sich dann am vergangenen Wochenende im Al-Mustafa-Institut in Berlin, einer theologischen Bildungseinrichtung, ca. 25 meist junge und gebildete Muslime (und ich) überwiegend,aber nicht nur aus der schiitischen Rechtsschule mit ihren Dozenten (Professoren und Professorinnen der Philosophie,  islamischen Theologie, Jura und der Sozialwissenschaften – darunter eine Trägerin des Bundesverdienstkreuzes) ein um an drei Tagen über den

Islam zwischen Rationalität und Radikalität 

zu lernen und zu diskutieren. Veranstalter war der Dachverband der Schiiten, die „Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland“

Ich erspare mir hier, alle die Pamphlete zu verlinken, die gegen dieses „Mullah-Seminar“ veröffentlicht wurden, die kann man ganz leicht finden, und gehe lieber auf die Inhalte des Workshops ein. Im Anschluss werde ich dann noch ein paar aufklärende Artikel anhängen.

Lieber fasse ich hier kurz zusammen, was wir im Workshop behandelt haben.

Aufgeteilt war das Programm in 3 Themenblöcke: einen theologischen, einen historischen und einen sozialpolitischen Teil.

Im theologischen Teil ging es zunächst um die Rolle des Verstandes und der Vernunft in der islamischen Theologie. In unserem heiligen Buch, dem Koran, wird viele Male darauf verwiesen, dass der Mensch Verstand besitzt und diesen doch auch benutzen soll. Im ersten Vortrag wurde behandelt, welche Rolle dieser Verstand beim Verständnis der Offenbarung und der Begegnung mit unserem Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm abgekürzt: s. , spielen sollte: In seiner Zeit war der Prophet, s., schon als guter und sehr vertrauenswürdiger Mensch bekannt, bevor seine Berufung zum Propheten erfolgte – aber woran konnten die Menschen erkennen, dass seine Äußerungen, die er jetzt in der neuen Rolle machte, glaubhaft waren und sie ihm folgen sollten?

Hierzu war es nötig, Vernunft und Verstand einzusetzen und die Worte des Propheten, s., auf innere Kohärenz und Konsistenz zu überprüfen – ob innerhalb des Korans, oder in seinen Äußerungen außerhalb der direkten Offenbarung. Hätte es Widersprüche darin gegeben, oder in seinem Verhalten – dann wäre er nicht glaubhaft gewesen.

So mussten also die Menschen in der Zeit des Propheten, s., ihren Verstand benutzen, um seine Wahrhaftigkeit zu überprüfen. Und auch der Prophet, s., selber beachtete den Intellekt seiner Gesprächspartner und ging in entsprechender Weise auf die Menschen ein.

Es gibt keine andere Möglichkeit, als bei der Auseinandersetzung mit der Botschaft Muhammeds, s., seinen Verstand zu benutzen.

Der Intellekt spielt so eine große Rolle bei uns Menschen, dass einer unserer großen islamischen Vorbilder, Imam Dschafar Sadiq, Friede sei mit ihm, abgek.: a., sagte:

Die Hauptsäule des Menschen ist der Verstand

Er benutzte hier den arabischen Begriff„Aql“: deutsche Übersetzung: Verstand, Logos, Gerechtigkeit, Intellekt, Ratio. Über die Herkunft und die verschiedenen Bedeutungen dieser Begriffe haben wir auch gesprochen, aber das führt hier jetzt zu weit.

Im theologischen Teil des Workshops ging es dann weiter mit der Rolle, die der Intellekt bei der Interpretation des Korans und der zweiten wichtigen theologischen Quelle der Muslime, den Überlieferungen (Hadith, Mz.  in Deutsch Hadithe, Arabisch Ahadith) der Aussagen und Handlungen des Propheten, s. spielt, sowie über Hermeneutik bei der Exegese des Korans (dieser letzte Teil war auf Englisch und ich habe nicht genug mitgeschrieben um es sinnvoll weitergeben zu können).

Im zweiten Teil des theologischen Themenblocks wurde die Rolle des Verstandes in der islamischen Religionsgeschichte noch mehr betont. Religion und Vernunft gehören zusammen, das ist das Wesen des Islams. Das Denken ist ein einzigartiges menschliches Talent und unterscheidet uns von den Tieren. Niemals kann die eigene Verantwortung für das Verständnis unserer Religion abgegeben werden: blinde Gefolgschaft gibt es im Islam nicht, die Grundlagen (Säulen) des Glaubens  muss der Mensch selber begreifen und darf sich darin nicht nach anderen richten. Das Befolgen der Anweisungen von Gelehrten darf sich nur auf Nebenaspekte beziehen, also bspw. Anleitungen wie man betet und dgl.

Nur zur Erläuterung: Die „Säulen des Islam“ sind nach schiitischer Rechtsschule der Glaube an die Einheit Gottes (Tauhid), der Glaube an die Propheten, der Glaube an das Jüngste Gericht, der Glaube an Gottes Gerechtigkeit, der Glaube an das Imamat

In diesem theologischen Abschnitt haben wir noch eine Vielzahl von koranischen Versen besprochen, die auffordern zu lernen und nachzudenken und dadurch Gott zu erkennen.

Das Fazit dieses Abschnitts: Das Denken ist die zentrale Säule des  schiitischen Islams!

Nach dem theologischen Teil des Workshops gingen wir zur Geschichte des Islams über – und hier finden wir die Wurzeln vieler Probleme die wir heute haben!

In zwei ausführlichen Vorträgen wurde die Zeit des Propheten, s., seine Auseinandersetzung mit seinem sozialen Umfeld und die Art, wie über ihn berichtet wurde und die Geschichte der Überlieferungen im Islam besprochen. Während es keinen Zweifel unter allen Muslimen darüber gibt, dass der Koran uns im arabischen Original absolut unverfälscht erhalten geblieben ist, gibt es bei den Berichten über die Aussagen und Handlungen des Propheten, s., erhebliche Differenzen. Was sich natürlich auch auf die Art auswirkt, wie der Koran ausgelegt wird. Zur Zeit des Propheten, s., hat er selber diese Auslegungen vorgenommen – aber leider ist davon im Laufe von 1400 Jahren viel verloren gegangen oder verfälscht worden.

Das hat einmal damit zu tun, dass es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie die Zeitgenossen des Propheten, s., zu bewerten sind. Eine große Anzahl der Muslime glaubt, dass alleine das Zusammensein mit dem Propheten, s. und das öffentliche Bekenntnis zum Islam, die Menschen zu vertrauenswürdigen Personen gemacht hat. Leider ein Irrtum, der zudem auch in Hunderten von Koranversen aufgedeckt wird. Hier ist viele Male von den Heuchlern die Rede, die ihre wahre Meinung verbergen, weil sie Opportunisten sind und ihren eigenen Vorteil suchen.

Das bedingt auf jeden Fall schon eine kritische Betrachtung sowohl der Überlieferer, als auch der Überlieferungen. Und was noch dazu kommt – das haben wir ausgiebig im zweiten Abschnitt des historischen Themenblocks besprochen: zu Lebzeiten des Propheten, s., wurden seine Äußerungen aufgeschrieben, aber in ungefähr 100 Jahren nach seinem Tod wurden diese vernichtet und die regierenden Herrscher verboten es, Überlieferungen zu sammeln.

Es werden verschiedene Gründe für dieses Verhalten genannt. Wohlwollende Stimmen meinen, dass es aus der Befürchtung heraus geschah, Koran und Überlieferungen könnten vermischt werden, andere sagen, dass es darum ging die Macht von unrechtmäßig ins Amt gekommenen Herrschern zu erhalten und die Familie des Propheten in Vergessenheit geraten zu lassen.

Nicht alle Überlieferungen wurden vernichtet und es wurde auch viel mündlich überliefert, aber ein großer Schatz ist uns verloren gegangen und – um es noch schlimmer zu machen . es wurden große Zahlen von gefälschten Hadithen produziert, mit denen die regierenden und oft unterdrückerischen Herrscher der islamischen Dynastien, wie die Umayyaden, ihre Gewaltherrschaft rechtfertigen wollten.

Für die heutige Zeit sind diese Erkenntnisse wichtig, denn ein großer Teil der Muslime glaubt daran, dass es „Sahih“-Überlieferungen gibt. Damit ist gemeint, dass diese Werke absolut zuverlässig und geprüft sind. Leider finden sich darin Aussagen, die weder zum Koran, noch zum Wesen des Propheten, s., passen, die aber als Grundlage für die Gewalttaten terroristischer „islamistischer“ Organisationen genutzt werden.

Auch hier geht es nicht ohne eine kritische Betrachtung aller Aspekte. Eine Überlieferung, die dem Koran widerspricht, kann schon mal nicht richtig sein. Eine Überlieferung mit unzuverlässigen Überlieferern ebenfalls nicht. Fazit: Es gibt keine „Sahih“- Werke!

Der dritte Teil des Workshops beschäftigte sich mit sozialpolitischen Aspekten, zunächst mit den psychologischen und sozialen Gründen für die Radikalisierung junger Muslime. Die Dozentin hat jahrelange Erfahrung in einer Beratungsstelle zur Deradikalisierung gesammelt und konnte sowohl aus ihrer täglichen Arbeit, als auch anhand von Fachliteratur und Statistiken vermitteln, welche Aspekte hier eine Rolle spielen. Und das spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: im persönlichen Bereich, in dem junge Menschen in Pubertät und Adoleszenz mit ihrer Identitätsfindung beschäftigt sind, samt vieler Probleme die in der Phase auftreten können, im Bereich des engeren sozialen Umfelds, aber auch auf der größeren gesellschaftlichen Ebene, z.B. wenn Menschen die ungerechte Außenpolitik unseres Landes betrachten und der innere Widerstand dagegen eine Rolle dabei spielt, dass sie auf die vermeintlichen guten und gerechten Absichten radikaler Gruppierungen hereinfallen. Insgesamt bieten diese Gruppen (wir sprachen hauptsächlich über salafistische Gruppen, aber grundsätzlich gilt das auch für andere Gruppierungen innerhalb und außerhalb des Islams) ein einfaches Weltbild, Anerkennung und Kameradschaft an und das Gefühl, sich für eine gerechte Sache einzusetzen.  Verbrämt mit Heilsversprechen, aber auch mit der Legitimation von Gewalt, was Jugendliche mit kriminellem Potential anspricht, locken sie die jungen Leute dazu, sich ihren Gruppierungen anzuschließen. Erschreckend: alleine aus Deutschland sind fast  tausend  Personen ausgereist, um sich dem „IS“ oder anderen terroristischen Gruppen in Syrien und im Irak anzuschließen. Diese Menschen waren meistens überhaupt nicht religiös, häufig auch gar keine Muslime, bevor sie in die Fänge dieser Sekten gerieten.

Der letzte Abschnitt des sozialpolitischen Teils beschäftigte sich mit der Rolle der Medien und der Politik, bei der Erschaffung des Islambildes in unserer Gesellschaft, das ein sehr schlechtes und defizitäres Bild ist. Die Dozentin forderte aber auch uns Muslime auf, uns mehr in die Gesellschaft einzubringen und keineswegs in einer Opferrolle zu verharren. Wir sollten uns in allen gesellschaftlichen Bereichen einbringen, selbstbewusst mit unserer muslimischen Identität, aber nicht auf Islamthemen begrenzt.

Das war eine sehr kurze und begrenzte Zusammenfassung des Inhaltes des so umstrittenen „Terror-Helfer“ Workshops, oder auch „Mullah-Seminars“.

Am letzten Tag haben wir sehr lebhaft unsere Erkenntnisse zusammengetragen und Thesen formuliert, bzw. Wünsche und Handlungsanregungen an verschiedene gesellschaftliche, muslimische und nichtmuslimische Akteure. Diese Erkenntnisse werden sicherlich an anderer Stelle veröffentlicht und ich werde sie dann , so Gott will,  hier verlinken.

Ich bin sehr dankbar, dass ich an dieser so hochkarätig besetzten Veranstaltung teilnehmen durfte! Und ich hoffe, ich habe einen kleinen Einblick geben können um die völlig ungerechte Bewertung dieses Workshops klar zustellen. Von unseren Medien und unserer Politik, ja auch von manchen Geschwistern und Akteuren der „Zivilgesellschaft“ bin ich wirklich enttäuscht, weil sie auf billigste Propaganda hereinfallen!

Hier noch ein paar Links zur Auseinandersetzung um die Veranstaltung, wird ggf. ergänzt:

Pressemitteilung des Veranstalters (IGS)

Pressemitteilung des Al-Mustafa Institutes

Wer ist Antje Schippmann? Eine Journalistenkarriere bei der Springerpresse

Inzwischen sind die Handlungsempfehlungen/Arbeitsergebnisse des Workshops erschienen

Und hier mal ein fairer Artikel zu dem ganzen Wirbel:

Schiiten in Deutschland

Eine Dozentin erzählt:

Meine Begegnung mit jungen Muslimen am Al-Mustafa Institut

 

Ein Gedanke zu “„Mullah-Seminar“ – ich war dabei!

  1. Es ist noch schlimmer. Den Inhalt ihrer Werke bewerten die Sahih-Autoren nicht, weil man ja nicht wissen könne, was wahr sei oder nicht…
    Und das ist zu einem Teil richtig, aber warum werden die personenbezogenen Äußerungen darin gerade dann anonymisiert (fulan wa fulan: soundso hat getan/gesagt), wenn es die Vorfahren der Saudis bzw. der jeweils herrschenden Dynastie betrifft? Und fällt niemandem auf, dass darin die lächerliche Handvoll Überlieferungen von der Familie des Gesandten Gottes vorkommt, so als hätten die am wenigsten vom Islam mitbekommen?

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