Enttäuschte Liebe

Seit ich mich hier in der Türkei niedergelassen habe, lese ich natürlich gerne Erfahrungsberichte von anderen Auswanderern, oder gucke entsprechende Videos bei YouTube. Was mir dort auffällt, aber auch bei Gesprächen vor Ort (erst gestern wieder im Dolmuş): bei einem ziemlich großen Teil der betreffenden Menschen nehme ich wahr, dass sie unsere deutsche Heimat sehr schlecht reden und die Türkei komplett idealisieren.

Ich finde das hört sich nach enttäuschter (Heimat)Liebe an. Wenn man enttäuscht wurde, neigt man ja dazu, alles Vergangene in schlechtem Licht zu sehen, aber ist das angemessen?

Also ich kann natürlich auch an Deutschland eine Menge auszusetzen finden – die Entwicklung der letzten Jahrzehnte mit immer mehr Sozialabbau, sinkendem Lohnniveau, insgesamt einer Politik die die Interessen der Wirtschaft in den Mittelpunkt stellt und nicht die der Menschen. Das passt mir überhaupt nicht. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, das Suchen von „Sündenböcken“ bei dem ich als Muslima natürlich zu den Auserkorenen gehöre – ich kann mich darüber durchaus aufregen, von der katastrophalen Außenpolitik mit Beteiligung an illegalen Kriegen, Unterstützung von Unrechtsregimes und fehlender Souveränität ganz zu schweigen. Also zu kritisieren gibt es genug. Ich hab es aber nie beim Schimpfen gelassen, ich bin immer auch engagiert gewesen, im Rahmen meiner Möglichkeiten. Und ich störe mich sehr daran, dass so viel Passivität unter meinen deutschen Mitbürgern herrscht, meckern ja, aber auf die Straße gehen – Gott bewahre!

Trotzdem: ich hab mehr nette Menschen in Deutschland erlebt, als solche die mich schlecht behandeln, ich kenne viel Engagement, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit. Ich mag deutsche Direktheit und Ehrlichkeit. Ich habe mit meiner chronischen Erkrankung kompetente Hilfe erfahren und wenig schlechte Erfahrungen gemacht. Ich bin einen Ausbildungs- und Berufsweg gegangen, der mir immer neue Entwicklungsmöglichkeiten gegeben hat und schließlich, als ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte, hat man mir eine, jedenfalls derzeit noch, existenzsichernde Rente gegeben. Und es gibt noch vieles mehr, das ich positiv bewerte.

Ich bin nicht aus Deutschland weggegangen, weil ich es dort so schlecht fand. Andererseits liebe ich natürlich das Leben in der Türkei. Ich hätte durchaus auch persönliche Gründe, über dieses Land schlecht zu reden, hab ich doch mit einigen Menschen hier die übelsten Erfahrungen meines Lebens gemacht, was unter dem Oberbegriff „Unehrlichkeit“ zu fassen ist und das war wirklich schlimm und hat meinem Grundvertrauen in die Menschen einen schweren Schlag versetzt, den ich nur langsam überwunden habe. Aber das verallgemeinere ich doch nicht. In der Regel finde ich die Menschen hier freundlich, hilfsbereit und sehr viel toleranter als in Deutschland. Als Muslima lebt es sich hier natürlich entspannt – aber das war auch nicht immer so! Bis vor 15/16 Jahren gab es hier diese Religionsfreiheit nicht, obwohl die Bevölkerung mit einer überwältigenden Mehrheit muslimischen Glaubens ist. Mein Mann sagt immer, ich wäre damals nicht mal in ein Einkaufszentrum gelassen worden mit meinem Kopftuch. Das ist Gott sei Dank jetzt anders und die offizielle Linie ist, dass hier Menschen aller Religionen ihren Glauben frei ausleben dürfen. Wirklich einer der großen Gründe, warum es mir hier gefällt!

Aber man muss sich auch nicht alles schön reden: Die soziale Absicherung ist lange nicht so wie in Deutschland. Löhne, Sozialhilfe, Renten sind oft nicht existenzsichernd. Es ist allerdings vieles sehr viel besser geworden, ich habe das in Jahren am Beispiel „meines“ Dorfes in Südostanatolien verfolgt. Infrastruktur, Gesundheitswesen, Bildungssystem, Universitäten – da sieht man eine großartige Entwicklung. Die Korruption wird bekämpft. Früher sind Kinder gestorben, wenn die Familie dem Arzt kein „Messergeld“ zusätzlich zu seinem Gehalt gegeben hat, wenn eine Operation nötig war! Das Pflegegeld, wenn man Angehörige versorgt ist so bemessen, dass man davon auch leben kann und keine andere Arbeit braucht – vorausgesetzt, man hat schon eine Unterkunft, ob das für die Miete noch reichen würde, bezweifle ich.

Das sind nur die Beispiele, die mir spontan eingefallen sind. Also, es gibt hier ebenfalls Licht und Schatten und mein „Vorteil“ ist, dass ich nicht alles verstehe, was politisch so diskutiert wird und passiert. Aber mit Sicherheit fände ich auch mehr zu kritisieren, würde ich alles mitbekommen. Da muss ich aber noch viel besser Türkisch lernen. Vielleicht ist einer der großen Vorteile hier, dass die Türkei ein Land ist, dass sich gerade mit großen Schritten entwickelt. Besonders spürbar für die Menschen in ländlichen Gebieten, die viele Jahre lang abgehängt und vernachlässigt wurden, als „dumme Dorftürken“. Da wurde sehr viel Potential verschenkt und natürlich ist dadurch die Entwicklung so deutlich, während wir in Deutschland das Gefühl haben, das alles schlechter wird. Nicht nur das Gefühl natürlich, es wird immer schlechter für „kleine Leute“.

Wenn von Unterdrückung der Meinungsfreiheit gesprochen wird, kann ich das für die Türkei nicht wirklich beurteilen, aber dass wir in Deutschland uns so frei äußern können, ist auch nicht wahr. Bestimmte Themen sind aus Gründen der „Staatsräson“ tabu und da hat man dann berufliche Nachteile, oder man erhält gar keinen Ort zur Verfügung um diese Themen zu diskutieren, usw. Und unser politisches System könnte man vielleicht auch mal hinterfragen, wie kann es angehen, dass die Vertreter des angeblichen Souveräns, des Volkes, so viele Entscheidungen treffen, die ganz und gar nicht im Interesse der absoluten Mehrheit der Menschen sind? Wir haben in Deutschland ja auch nie über unsere Verfassung abgestimmt, im Gegensatz zu den Türken, die das gerade erst getan und dieses Präsidialsystem gewählt haben (übrigens haben sogar die Iraner über ihre Verfassung abgestimmt und das gleich mehrfach, nur so nebenbei).

Also mein Fazit ist, dass wir hier wie dort in keinem perfekten Land leben. Aber da hilft kein Meckern: es sind wir Menschen die dafür verantwortlich sind, die Gesellschaft zu gestalten, egal wo wir leben. Das fängt im Kleinen an und geht bis zu größerem Engagement für eine gerechtere Welt.

Ich halte es weder für den einzelnen Menschen, noch gesellschaftlich für hilfreich, aus enttäuschter Liebe alles schlecht zu machen. Das hindert die Weiterentwicklung, im Großen wie im Kleinen. Besser ist es, die Realität so objektiv wie möglich zu betrachten, die eigenen Anteile an der Entwicklung zu beleuchten und zu schauen, was man selber tun kann für persönlichen und gesellschaftlichen Frieden und Entwicklung.

Dazu habe ich hier mal ein Zitat aus unserem heiligen Buch, dem Koran. Aus der Sure 13 (Ar-Rad -Der Donner). Darin sagt Gott (in ungefährer Übersetzung) von sich selbst:

„Wahrlich, Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.“

Wie seht Ihr das, liebe Leserinnen und Leser? Habt Ihr auch diesen Eindruck? Über Kommentare freue ich mich!


8 Gedanken zu “Enttäuschte Liebe

  1. Ich denke da an die Wahl der NSDAP 1933 in Deutschland. Ich denke da an – anscheinend durch Manipulationen der Sozialen Medien erfolgreichen Beeinflussung der US-Wahlen durch Putin, durch die Trump an die Macht kam. Ich denke da an die – die Hinweise verdichten sich immer mehr, durch Russland beeinflusste – Entscheidung für den Brexit. Ich denke da an die Entscheidung der Schweizer gegen den freien Zuzug von EU-Bürgern.
    Wann ist einen Entscheidung, die ein Volk fällt, gültig? Wann muss sie revidiert oder nicht akzeptiert werden? Wann gibt es sogar eine moralische Pflicht der politischen Elite, sich gegen sie zur Wehr zu setzen?

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    1. Also dass es Manipulationen in erheblichem Ausmaß gibt, da stimme ich Dir zu, allerdings scheint sich Dein „Russland-Trump“ Beispiel gerade als heiße Luft entpuppt zu haben. Ich bin sicher, dass wir auf vielen Ebenen manipuliert werden, durch Lügen, durch Weglassen, durch Aufbauschen von unwichtigen Themen, während im Stillen gegen die Interessen der nicht besitzenden Menschen Politik gemacht wird. Und dass dahinter ein Krieg „Arm gegen Reich“ steckt. Ich teile Deine Skepsis bezüglich der Weisheit unseres Volkes, dafür rennen zu viele jeder Sau hinterher, die durchs Dorf getrieben wird und widmen sich nicht den wirklich wichtigen Themen (dazu gehört nicht, wen ein ehemaliger Fussballnationalspieler zu seiner Hochzeit einlädt). Allerdings: wer sind Deine „politischen Eliten“? Diejenigen, die seit Jahrzehnten die Reichen reicher und die Armen ärmer machen? Diejenigen, die sich um unser Grundgesetz und um das Völkerrecht nicht scheren und Waffen in Krisengebiete schicken, Unterdrückerstaaten mit „Staatsräson“ unterstützen (was ist das eigentlich und wo ist die demokratische Legitimation dafür?)? Die korrupten Politiker, die für Aufsichtsratsgehälter oder scheinbare Macht vergessen, wer der Souverän des Landes ist? – Nein tut mir leid, deren Legitimation sehe ich nicht, sie haben zu 99% vergessen, was ihr Auftrag ist. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
      Es ist sicherlich schwierig, in diesem Wust von Verblödungsmedien seinen Geist wach und unabhängig zu halten. Mir hat sehr geholfen, dass ich durch Kontakte über Deutschland hinaus auch meinen Medienkonsum erweitert habe. Und dass ich eine gesunde Skepsis habe, wenn sich auf einmal alle im Mainstream einig sind. Dann gucke ich doch gerne mal, was andere Länder so dazu denken, oder alternative Medien.
      Aber wirkliche politische Vorbilder, denen ich zutraue, dass sie ein echtes Interesse an den Menschen haben, sehe ich nur sehr wenige. Sowohl in unserem Land, als auch in anderen Ländern. Und leider sind die oft so alleine auf weiter Flur, dass sie wenig ausrichten können.
      Also um Deine Frage zu beantworten: ich denke wir haben eine moralische Pflicht, sich gegen unsere „politische Elite“ zur Wehr zu setzen, falls wir die gleichen meinen. Denn diese verstößt gegen unsere und weltweite Gesetze.

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      1. Noch kurz ein Nachsatz:
        Erinnerst Du Dich an die gescheiterte „Grüne Revolution“ im Iran? Diese Bewegung war aus der Empörung über die Manipulation der vorhergehenden Majles-Wahl heraus entstanden, die den Präsidenten Ahmadinedschad benannt hatte. Niedergeshlagen wurde sie mit Hilfe von Paramilitärs der Hezbollah aus dem Libanon und von Truppen aus Syrien.
        Demokratie???

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      2. Liebe Meryem,
        vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.
        Leider hat der Muller-Report gerade bestätigt, dass Russland Einfluss auf die US-Wahlen 2016 zugunsten Trumps genommen hat. Er verneint lediglich, dass Muller und sein Team Beweise für eine aktive Mitarbeit des Trump-Teams an dieser russischen Einflussnahme gefunden hat. (nachzulesen bei UStoday).
        Du hast Recht, ich hätte genauer angeben sollen, wen oder was ich unter Elite verstehe. Nun, für mich gehört zur politischen Elite jeder, der sich verantwortlich fühlt für die Zukunft seines Landes und politisch aktiv wird. Dem Bashing all jener, die in Ämtern, ob auf kommunaler oder höherer Ebene, politisch aktiv sind, kann ich mich nicht anschließen. Wenn man selbst einmal für eine Weile in einer Aktionsgruppe unterwegs war, lernt man fünf Dinge: erstens ist nie genügend Zeit und Energie für all das da, was eigentlich getan werden müsste, zweitens verliert man vor lauter Arbeit leider schnell den Kontakt zu anderen, die weniger aktiv sind, drittens haben aber alle, die weniger oder garnicht aktiv sind immer hohe Anforderungen an die jeweils Aktiven, die ja dann auch Posten und Verantwortung übernehmen, viertens sind diese Anforderungen mangels Erfahrung, aber auch Willen, sich mühsam in die Materien einzuarbeiten, oftmals unrealistisch, und fünftens ist es ja so leicht, wenn man selbst nicht aktiv war, dem jeweils Aktiven die Schuld an allem zu geben, was Einem nicht passt oder was – oftmals aus Mangel an Finanzen oder Mann-/Fraukraft – dann eben nicht den hohen Ansprüchen der Nicht-Aktiven genügt. Demzufolge wünsche ich mir weniger ein sich zur Wehr setzen gegen die politische Elite“, die Du meinst, sondern erst einmal und an erster Stelle ein sich Einsetzen FÜR Ziele, wie demokratische Strukturen auf allen staatlichen Ebenen, aber auch ganz nahe liegende, wie die Einbeziehung der direkten Anwohner in die Frage nach dem Erhalt von Ackerland am eigenen Wohngebietes zu Lasten eines geplanten Gewerbegebietes.

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      3. Jetzt ist der erste Teil meiner Antwort irgendwie weg. Also nochmal:
        Ich danke Dir für Deine ausführliche Antwort.
        Leider hat der Muller – Report gerade bestätigt, dass Russland die US-Wahlen von 2016 zugunsten Trumps beeinflusst hat. Das Team rund um Muller hat lediglich angegeben, keine Beweise für die Kollaboration des Trump-Wahlkampfteams an der Russland-Kampagne gefunden zu haben.
        Unter Elite verstehe ich all jene, die sich politisch interessieren und aktiv werden. Insofern will ich mich auch nicht an einem Bashing der „politischen Elite“ beteiligen. Wer einmal selbst aktiv in einer Aktionsgruppe war, weiß, dass erstens alle anderen, die nichts oder wenig tun, ALLES von demjenigen erwarten, der wohl aktiv ist und dann eben die Verantwortung auch oft zugeschoben bekommt. Und zweitens, dass die Erwartungen vielfach sehr unrealistisch sind, auch weil diejenigen einfach nicht die Mühe aufbringen wollen, sich in die (langweiligen und mühseligen) Details einer Gesamtbetrachtung einzuarbeiten. Und drittens, Schuld ist immer der, der aktiv war, nie der, der rumsitzt und nichts tut, außer kritisieren. Insofern würde ich mir, anstatt Widerstand gegen die „Politische Elite“, wie Du sie verstehst, erst einmal eher Einsatz FÜR demokratische Verhältnisse und Strukturen wünschen. Das ist, siehe Iran, unter manchen Gegebenheiten schon schwer genug.

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      4. Ich möchte auch wirklich nichts gegen politisches Engagement sagen, gerade an der Basis. Ich selber hab mich aber schon früh aus organisierten Strukturen zurückgezogen, ich bin einfach nicht geeignet fürs Taktieren und habe die Erfahrung gemacht, dass schon sehr früh immer wieder Leute nicht um der Sache willen handeln, sondern nach Macht und Pöstchen streben. Und ich war sowohl in der Gewerkschaft, als auch in den Gründungszeiten der „Grünen“ schon dabei, aber wie gesagt nicht lange. Damit will ich aber nicht sagen, dass nicht wirklich auch selbst in etablierten Parteien Menschen unterwegs sind, die gute Absichten haben. Nur dass ich selber in diesen Strukturen nicht klar komme. Dass es dann sinnvoller und befriedigender sein kann, sich „für“ etwas einzusetzen, das kann ich bestätigen. Drum war ich dann eher in sozialen Aktivitäten engagiert, oder in den letzten Jahren für Dialog zwischen den Religionen. Aber „gegen“ Krieg und Unterdrückung werde ich auch immer auf der Straße sein.

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