Aus meinem Archiv „Meryems Welt“: Die USA – überall auf der Welt uneigennützig engagiert – Teil 3 – Warum tun die das?

In diesem Beitrag von 2012 begann ich damit, die Ursachen für die amerikanische Außenpolitik zu untersuchen. Für heute soll es dann genug sein, mit den Beiträgen aus meinem Archiv. Der Rest folgt dann inschaAllah in den nächsten Tagen. Wer ganz ungeduldig ist, kann diese Artikel und vieles andere aber auch in „Mariams Welt“ finden. Der Blog wurde allerdings seit 2015 nicht aktualisiert, es sind aber eine Menge Beiträge zu finden.

Bismillah i rahmani rahim

Hier geht es zu Teil 2

Ja also die Frage: warum tun die das, die Amerikaner? Ich meine: es hat schon andere Imperien gegeben, nehmen wir die Römer, die Osmanen oder die Briten – die haben lange große Teile der Welt  beherrscht, aber das hat ihnen ja wohl Nutzen gebracht. Also jedenfalls den Bevölkerungsteilen, die davon profitieren sollten – Sklaven oder die Unterschicht nicht. Gut, jetzt könnte man sagen, dass der John Normalamerikaner eben auch nicht zählt und das die Imperialisten nun einmal nicht in der Lage sind, ihren Untergang zu erkennen. Das ist o.g. und anderen Imperien auch schon so gegangen.

Und auch die Römer haben sich vielleicht damit gebrüstet, den eroberten Völkern eine Infrastruktur geschaffen zu haben, Straßen auf denen wir teilweise heute noch unterwegs sind. Die Osmanen hielten sich zugute, den Islam zu verbreiten. Vielleicht ist die Weltpolizei-Uniform der Amerikaner also gar nichts Ungewöhnliches?

Ich bin nicht ganz überzeugt davon, denn der Zustand der USA ist ja so offensichtlich, dass man doch eigentlich gar nicht darüber hinwegsehen kann. In diesen Zeiten, mit diesen Kommunikationsmöglichkeiten, diesem Wissen – können denn amerikanische Regierungen tatsächlich so blind sein, dass sie nicht merken, dass sie ihr Reich so nicht weiter vergrößern können? Während sie noch ihre Kriegsschiffe im Persischen Golf versammeln und den nächsten Angriffskrieg planen, bricht ihnen zu Hause alles zusammen. Aber ohne ein Kernland kann auch ein Imperium nicht existieren. Mal abgesehen davon, dass auch in den „geretteten“ Ländern die Dankbarkeit nicht groß ist und der Ertrag nicht so wie gewünscht. Die irakischen Ölfelder z.B. beuten zum größten Teil die Chinesen und Russen aus. So ein Pech aber auch. Da bringt es nicht so viel, dass man amerikanische Baufirmen zu überteuerten Preisen (die die Iraker zu bezahlen haben), den Wiederaufbau der Infrastruktur zuschanzt, die man vorher zerbombt hat.

Noam Chomsky hat dazu interessante Thesen zur Frage nach dem „Warum“ (gefunden hier: http://zmag.de/artikel/die-brutalitaet-des-us-imperialismus):

Es wäre reizvoll, ganz vorne in der Geschichte anzufangen. Zwar liegt dieses ‚ganz Vorne‘ ziemlich weit zurück, doch wäre es sinnvoll, sich Gedanken über einige Aspekte unserer amerikanischen Geschichte zu machen, die einen direktem Bezug zur aktuellen amerikanischen Nahostpolitik haben. Amerika ist, in vielerlei Hinsicht, ein recht außergewöhnliches Land. Vielleicht ist es das einzige Land auf der Welt, das als Imperium gegründet wurde. Zunächst steckte das Imperium noch in den Kinderschuhen. George Washington sprach von einem ‚Kleinkind-Imperium‘ (infant empire). Die Agenda der Gründerväter war ehrgeizig. Thomas Jefferson, der libertärste unter ihnen, war der Auffassung, das kindliche Imperium sollte expandieren. Es sollte, um es mit seinen Worten auszudrücken, das „Nest“ sein, von dem aus der gesamte Kontinent zu kolonialisieren sei. Das bedeutete auch, die „Roten“, die Indianer, loszuwerden. Sie sollten vertrieben oder vernichtet werden. Die Schwarzen sollten zurück nach Afrika (sobald wir sie nicht mehr brauchten) und die Latinos durch eine überlegenere Rasse ersetzt und eliminiert werden.

In seiner ganzen Geschichte war Amerika durchweg ein sehr rassistisches Land – nicht nur in Bezug auf die Schwarzen. Das war Jeffersons Vorstellung – mit der die anderen mehr oder  weniger konform gingen. Es war eine Gesellschaft von Kolonialsiedlern. Kolonialisierung durch Besiedelung ist bei weitem die schlimmste Form des Imperialismus, die brutalste, da sie die Auslöschung der indigenen Bevölkerung voraussetzt. Meiner Ansicht nach kommt die reflexartige Unterstützung der USA für Israel (auch Israel ist eine Gesellschaft von Kolonialsiedlern) nicht von ungefähr. Die israelische Politik erinnert in gewisser Weise an unsere eigene geschichtliche Vergangenheit. In gewissem Sinne wiederholt die israelischen Politik unsere Geschichte. Doch es geht noch weiter. Die ersten (weißen) Siedler Amerikas waren religiöse Fundamentalisten, die sich selbst in der Rolle der Kinder Israels sahen, die einer göttlichen Weisung folgend, das Gelobte Land besiedelten und die Amalekiter und andere Völker abschlachteten. Das fand genau hier statt: Die ersten Siedler siedelten in Massachusetts. Sie gingen mit reichlich wohlwollender Unterstützung zu Werke.

…..

Wenn wir uns das Große Siegel der Bay Colony von Massachusetts ansehen, so erkennen wir darauf einen Indianer mit einem Pfeil in der Hand. Die Spitze des Pfeils weist, als Friedensgeste, nach unten. Aus seinem Mund windet sich ein Spruchband: „Kommt rüber und helft uns“. Es ist ein frühes Beispiel für ‚Menschenrechting‘, für eine ‚humanitäre Intervention‘, wie wir heute sagen würden. Es gibt Parallelen zu anderen Begebenheiten – zu Geschehnissen bis in unsere Zeit. Die Indianer sollen die Siedler gebeten haben, herüberzukommen und ihnen zu helfen. Die Siedler kamen mit guten Absichten, einer göttlichen Weisung folgend. Sie kamen, um zu helfen. Allerdings stellte sich heraus, dass sie den Indianern zu ihrer Ausrottung ver-halfen. Das war verwirrend. Um das Jahr 1820 schrieb ein Richter des Obersten Gerichtshofs, es sei merkwürdig, dass die Indianer „wie die Blätter im Herbst“ dahinwelkten und sich verstreuten – trotz der guten Absichten und der Liebe, die man ihnen entgegenbrachte. Wie war das möglich? Der Wille Gottes, die Vorsehung, seien „jenseits dessen, was wir Menschen begreifen können“, meinte der Richter. Es war also schlicht Gottes Wille – den wir schließlich nie begreifen können. Die Vorstellung, dass wir stets Gottes Willen tun, nennt sich ‚Glaube an die Vorsehung‘ – und dieser Glaube existiert bis heute. Mit allem, was wir tun, erfüllen wir Gottes Willen.

Ich finde das spannend, weil ich mich auch schon oft gefragt habe, welche Auswirkungen es auf ein Land, oder einen Staatenbund hat, wenn er auf dem größten Völkermord aller Zeiten gegründet ist! Wobei über den Begriff „Völkermord“ in diesem Zusammenhang gestritten wird, da es ja wohl nicht den grundlegenden Plan gab, alle Indianer umzubringen. Und viele sind schlicht an ansteckenden Krankheiten gestorben, gegen die sie keine Immunität hatten. Es ist auch fast nicht mehr feststellbar, wieviel Bevölkerung Nordamerika vor der Eroberung durch die Europäer hatte.

Die  Siedler in Amerika waren ja auch nicht nur als Missionare unterwegs. Millionen von Menschen sind dorthin ausgewandert, weil sie in Europa unter Hunger und politischer und religiöser Unterdrückung litten. Man kann also davon ausgehen, dass viele schon traumatisiert waren, als sie sich auf die Reise gemacht haben und dass viele auch auf der Reise Traumata erlitten haben…schließlich waren die Reisebedingungen für arme Passagiere nicht nur unkomfortabel sondern auch lebensgefährlich. Hunger, Krankheiten, Verlust der spärlichen  Habe auf der Reise – die meisten Siedler die nach Amerika kamen, waren keine privilegierten Personen. Viele mussten sich für Jahre dienstverpflichten um ihre Überfahrt bezahlt zu bekommen. Man kann sich also auch fragen, was diese Gründe für,  und Bedingungen der, Auswanderung für eine Rolle spielen im Zusammenhang mit damaligem und heutigem kolonialem Denken und Handeln.

Vielleicht ist das alles pures Sicherheitsstreben, wie Noam Chomsky schreibt:

Die Eroberung des nationalen Territoriums der USA war eine hässliche Angelegenheit. Die etwas ehrlicheren Charaktere in unserer Geschichte gaben das durchaus zu – etwa John Quincy Adams. Er war ein überragender Großstratege des Expansionismus und geistiger Vater des ‚Manifest Destiny‘ und vielem mehr. In seinen späten Jahren, nachdem seine eigenen schrecklichen Verbrechen längst Vergangenheit waren, begann er, das Schicksal jener „glücklosen Rasse der eingeborenen Amerikaner“ zu bejammern, „die wir mit solch gnadenloser und perfider Brutalität ausrotten“. Dies sei eine der Sünden, für die der Herr uns bestrafen werde, meinte Adams. Nun, wir warten noch immer darauf.

Adams Lehren werden bis heute gepriesen. Einer der führenden Historiker unseres Landes ist John Lewis Gaddis. Er hat ein wichtiges akademisches Buch über die Wurzeln der Bush-Doktrin geschrieben. In diesem Werk leitet Gaddis die Bush-Doktrin direkt von Adams Großstrategie ab. Das ist korrekt und plausibel. Gaddis schreibt, die Doktrin ziehe sich durch die gesamte Geschichte unseres Landes. Er preist sie. Seiner Meinung nach ist es genau das richtige Konzept: Wir müssen unsere Sicherheit verteidigen; Expansion ist der richtige Weg, um dies zu erreichen. Du musst alles kontrollieren, um tatsächlich in Sicherheit leben zu können. Folglich mussten wir expandieren – und nicht nur in unserer eigenen Hemisphäre. Das ist die Bush-Doktrin.

Ich finde das nachvollziehbar, aber natürlich irrsinnig. Gerade wenn man sich doch auf sein Gottvertrauen beruft, kann man schließlich nicht meinen, dass man „alles kontrollieren“ könne.  Wenn ich jung wäre, würde ich die Folgen von Traumata für das Bewußtsein, oder besser Unterbewußtsein, ganzer Völker untersuchen wollen – aber für eine akademische Karriere ist es zu spät. Bei Patienten mit Zwangserkrankungen findet man allerdings bei über der Hälfte der Betroffenen traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit. Der Zwang ist hier also u.a. eine außer Kontrolle geratene Methode, mit alten Ängsten fertig zu werden.

(Kleiner Einschub: Auch im Hinblick auf israelische Politik ist es interessant, diese Zusammenhänge zu betrachten. Denn auch die völlig rücksichtslose zionistische Politik scheint mir jedenfalls zum Teil in der Verfolgung und Ermordung der Juden zu wurzeln. Aber nicht nur – den Zionismus und das  Gefühl der Überlegenheit gab es schon vor dem Holocaust. Die Zwangserkrankungen von Einzelpersonen führen aber auch dazu, dass man für andere Menschen keine Rücksicht und keinen Raum mehr übrig hat. Das hat man ja nicht einmal für sich selber sondern verausgabt sich bis zur völligen Erschöpfung damit, den Zwängen nachzugehen

Und natürlich kann man auch unsere deutsche Politik unter dem Vorzeichen der Folgen der Weltkriege des 20. Jahrhunderts untersuchen. Dass diese sich bis heute auf Einzelpersonen, aber auch Familien auswirken, ist ja auch bekannt – s. Literatur über „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ – zu denen ich auch gehöre.)

Haben wir vielleicht hier einfach eine verhängnisvolle Vermischung von religiösem Eifer, Herrenmenschendenken und tiefer Verunsicherung durch schlimme Erfahrungen in der Vergangenheit? Und wie ist die heutige Rolle der USA zustandegekommen, so lange sind die Vereinigten Staaten ja noch keine Weltmacht. Noam Chomsky dazu:

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges spielten die USA global gesehen gewissermaßen noch eine sekundäre Rolle, obgleich sie schon lange das mit Abstand reichste Land der Welt waren. Hauptakteur auf der Weltbühne waren die Briten – ja selbst die Franzosen verfügten global gesehen über größeren Einfluss. Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Amerikanische Strategen – Roosevelts Planer – hatten gleich zu Beginn des Krieges begriffen, dass die USA am Ende des Krieges eine ungeheure Machtstellung bekleiden würden.

Im Verlauf des Krieges bezwangen die Russen die Deutschen. Es waren in erster Linie die Russen, die den Krieg in Europa gewannen. Dennoch war klar, dass die USA (nach dem Krieg) noch dominanter sein würden. Folglich arbeiteten amerikanische Strategen sorgfältig an Plänen für die Zeit danach. Wie sollte, nach ihrer Meinung, die Welt nach dem Krieg aussehen? Die USA sollten die totale Kontrolle über die westliche Hemisphäre, über Fernost und die Regionen des ehemaligen Britischen Imperiums erhalten (und soviel Macht über Europa und Asien (Eurasien) wie irgend möglich). Dabei kam Europa – dem industriellen und kommerziellen Herzstück dieser Region – besondere Bedeutung zu. Das war die minimale Zielsetzung. (Das Maximum wäre die ganze Welt gewesen – wobei wir dies ja nur anstrebten, weil es für unsere Sicherheit nötig war.) Innerhalb dieser Regionen würden die USA eine nicht zu hinterfragende Kontrolle ausüben und jedes Streben (eines Staates) nach Souveränität in die Schranken weisen.

Als der Krieg zu Ende war, befand sich Amerika in einer Position, die so mächtig und sicher war, wie es das in der Geschichte noch nie gegeben hatte, nicht einmal ansatzweise. Die USA besaßen die Hälfte des Reichtums der Erde. Sie kontrollierten die gesamte Hemisphäre und die ihnen gegenüberliegenden Regionen jenseits des Atlantik und des Pazifik. Doch sie hatten noch nicht alles, was sie wollten. Da waren die Russen und vieles mehr, was noch nicht unter ihrer Kontrolle war. Dennoch dehnten sich die USA auf erstaunliche Weise aus – und das Zentrum dieser Expansion war der Nahe/Mittlere Osten.

Adolf A. Berle war einer von Präsident Roosevelts führenden und langjährigen Beratern und  ein führender Liberaler. Berle glaubte, das Öl des Nahen/Mittleren Ostens werde von substantieller Bedeutung sein, wenn es darum gehe, wer die Welt kontrolliere. Diese Doktrin gilt bis heute. Sie gilt, jetzt, in diesem Moment und wird auch in Zukunft eines der wichtigsten politischen Themen sein.

Noam Chomsky geht im weiteren Verlauf noch gezielter auf die US-amerikanische Politik nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein und beschreibt auch, warum der Nahe und Mittlere Osten für das amerikanische Machtstreben so wichtig ist und warum es immer die Iraner erwischt. Das passt aber nicht alles hier hinein und könnt Ihr unter obigem link nachlesen.

Ihr seht schon – ich weiß auch nicht wirklich „warum“ und kann nur Überlegungen anstellen. Da gibt es noch einige interessante Faktoren, wie den Einfluss der religiösen Strömungen auf amerikanische Politik.

Aber ich muss wohl noch einen Teil anhängen. Für heute ist Schluss mit Internet – der Ramadan beginnt jetzt auch für mich, viele Muslime haben ja schon heute mit dem Fasten begonnen, aber ich habe noch gewartet, dass mein „Marja“ die Mondsichtung verkündet. Und jetzt will ich die Nacht zum 1. Ramadan nutzen, dieser Monat ist schließlich ein Monat der Gelegenheiten.

Die Türen des Paradieses sind in diesem Monat offen, so bittet Allah, euren Herrn, sie nicht vor euch zu verschließen. Die Türen des Feuers sind geschlossen, so bittet Allah, euren Herrn, sie nicht für euch zu öffnen. Die Teufel sind angekettet, so bittet Allah, euren Herrn, sie nicht auf euch loszulassen.”

Aber das ist jetzt wieder ein anderes Thema. Oder auch nicht.

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