Erste Woche Ramadan 2019: Dankbarkeit, Lektüre, Nachdenkliches

Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen

Das Titelbild dieses Artikels ist mir jetzt schon mehrfach in den sozialen Medien über den Weg gelaufen, da hab ich es einfach mal geklaut, weil ich es so witzig finde. Für Nichtmuslime: Das Bild spielt mit dem Thema der „Überlieferungen“ im Islam. Dabei handelt es sich Erzählungen über Äußerungen unseres Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm, und – bei den schiitischen Muslimen – auch über solche seiner Nachkommen. Diese Überlieferungen („Hadith“) sollen das Verständnis des Korans erleichtern, indem sie Erklärungen des Propheten wiedergeben und Begebenheiten aus seinem Leben. Leider ist das auch ein umstrittenes Thema, denn es gibt sehr viele gefälschte Überlieferungen, oder solche von nicht vertrauenswürdigen Überlieferern, so dass man da nicht alles als wahr annehmen darf, was so kursiert. Eine ganze Wissenschaft im Islam beschäftigt sich mit diesem Thema, aber leider gibt es ja auch sehr viele „Google-Imame“, die mit dem Thema nicht sehr verantwortungsvoll umgehen. So, das war nun eine sehr lange Einleitung und Erklärung zu einem lustigen Bildchen.

Ich habe seit langen Jahren das erste Mal eine ganze Woche im Monat Ramadan mit gefastet und bin sehr dankbar, dass mir das möglich war und so Gott will auch im restlichen Monat möglich ist. Ich fühle mich doch irgendwie mehr zugehörig zu der großen islamischen Gemeinde, auch wenn ich den Monat in relativer Zurückgezogenheit verbringe. Mir geht es gut, auch wenn es nicht ganz leicht ist, aber mit meinem ruhigen Rhythmus komme ich mit dem Fasten zurecht, an manchen Tagen besser, an manchen ist es mühseliger. Nicht weil ich hungrig wäre, durstig schon eher mal, aber es fehlt eben doch an Energie.

An den Vormittagen bin ich eigentlich fast normal leistungsfähig, aber ab mittags knicke ich dann doch sehr ab und schlafe erstmal ein paar Stunden. Nach dem Fastenbrechen, dem Iftar, bin ich dann zwar nicht müde, obwohl das schon fast meine übliche Zubettgehzeit ist, sondern bleibe relativ lange wach, aber das ist dann keine Zeit für konzentrierte Tätigkeiten.

Meinen täglichen Abschnitt im Koran, bzw. in der Übersetzung lese ich meistens nach der Mittagsruhe. Dann ist es jetzt auf dem Balkon so schön zu sitzen und ich mache es mir dort gemütlich.

Ich sagte ja schon, dass je nachdem was gerade so Lebensthema ist, sich auch bestimmte Themen im heiligen Koran besonders „bemerkbar“ machen. Bei mir ist es z.Zt. ein kurzer Abschnitt aus der 7. Sure, Al Araf – Die Höhen, aus den Versen 42 und 43:


42
Diejenigen aber, die glauben und rechtschaffene Werke tun – Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag –, jene sind Insassen des (Paradies)gartens. Ewig werden sie darin bleiben.

43
Und Wir nehmen weg, was in ihren Brüsten an Groll ist. Unter ihnen strömen Flüsse. Und sie sagen: „(Alles) Lob gehört Allah, Der uns hierher geleitet hat! Wir hätten unmöglich die Rechtleitung gefunden, wenn uns Allah nicht rechtgeleitet hätte. Die Gesandten unseres Herrn sind wirklich mit der Wahrheit gekommen.“ Und es wird ihnen zugerufen: „Siehe, das ist der (Paradies)garten. Er ist euch zum Erbe gegeben worden für das, was ihr zu tun pflegtet.“

Die Übersetzung ist in diesem Fall von islam.de.

Diese Stelle beschäftigt mich schon ein paar Tage. Einmal wegen der Aussage: „Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag“ – denn das rührt noch einmal an das Thema „Krankheit“, ich habe ja ein paar Artikel über das Thema Depression geschrieben, zuletzt diesen hier: Danke für die Depression.

Andererseits muss ich an die vielen Menschen denken, die gerade in unvorstellbarer Weise unter Krieg, Hunger und Unterdrückung leiden. Ich glaube, diesen Vers kann man dann nur verstehen, wenn man überzeugt ist, dass dieses Leben nicht alles ist, sondern dass es noch ein weiteres Leben gibt, in dem schließlich alles gut wird, so wie es der zweite Vers sagt.

Bei diesem beschäftigt mich für mich persönlich das Thema „Groll“. Denn ich bin nicht ganz frei davon, auch wenn ich mich schon zu einem großen Teil unguter Gefühle entledigt habe. Manchmal holt mich er mich doch ein, der Groll über erfahrenes Unrecht. Besonders über das, was mir von einem Menschen zugefügt wurde, dem ich bedingungslos vertraut habe. Ich denke darüber nach, ob die Freiheit von einem solchen Gefühl nicht eines der erstrebenswertesten Dinge ist. Und wenn die gänzliche Befreiung davon schon in diesem Leben gelingt: ist das nicht schon ein großer Schritt dahin, das „Paradies auf Erden“ zu erleben?

Bougeainvillea, aufgenommen in Side, im Mai 2019

Ich bin mir da eigentlich sicher, aber wie gesagt, ganz befreit bin ich noch nicht. Das wird also noch mein Thema bleiben und so Gott will, nutze ich auch diese besinnliche Zeit für die Auseinandersetzung damit. Wie immer ist das kein Thema das alleine steht, sondern es verbindet sich mit anderen Lebensthemen – mal sehen, ob mir die Koran-Lektüre in diesem Monat da hilft, etwas „rund“ zu machen.

Außer im Koran zu lesen, habe ich mir in dieser Woche noch das neue Buch von Jürgen Todenhöfer vorgenommen: „Die große Heuchelei – wie Politik und Medien unsere Werte verraten“

Die Lektüre tut weh, muss aber sein, finde ich, wenn man nicht zu den Heuchlern gehören, oder ihnen folgen will. Ich bewundere Jürgen Todenhöfer, der sich im Laufe seines Lebens vom „rüstungspolitischen Sprecher“ zum bedingungslosen Pazifisten gewandelt hat, weil er keine Angst hat (oder diese überwindet), weil er ungeachtet aller Gefahren sich in Kriegsgebiete begibt und die schmerzliche Wahrheit des Krieges anschaut, mit den Menschen spricht und uns diese Wahrheit ins Gesicht sagt. Und nicht nur uns „Normalos“, sondern auch den Mächtigen dieser Welt. Die ihn erstaunlicherweise durchaus anhören, auch wenn sie nicht unbedingt auf ihn hören. Also, wer die Geschichte des „Westens“ ungeschönt kennen lernen will, findet in dem Buch einen Überblick, dazu viele Informationen über die Kriege, die „wir“ im Westen angeblich gegen den Terror führen und über die unrühmliche Rolle der Medien, die doch eigentlich in der Demokratie den Auftrag haben, die Entscheidungen der Regierenden kritisch zu begutachten – aber leider heutzutage zu einem großen Teil an der Vorbereitung und Rechtfertigung von Kriegen mitwirken. Die Berichte über Begegnungen mit Menschen in Kriegsgebieten, oder von Flucht und Vertreibung sind Herz zerreißend – aber es ist ja auch gut, wenn wir noch ein Herz haben, das Mitgefühl empfindet. Jürgen Todenhöfer ist ein echter Mensch, der nicht abgestumpft ist und, was ich besonders bewundere, der trotz all diesen Elends die Hoffnung auf eine friedliche Welt nicht aufgegeben hat. Er ist trotz allem was er gesehen hat in der Lage, in jedem Menschen den göttlichen Funken zu erkennen, der uns mitgegeben wurde. So gibt es auch einen Abschnitt: „Was tun“ in diesem Buch.

Rose, aufgenommen im Mai 2019 in Side in der Türkei

Ja, das war´s was mich diese Woche so beschäftigt hat. Und ich bin wirklich privilegiert, dass ich den heiligen Monat Ramadan unter solchen Umständen, in Ruhe und Sicherheit verbringen kann. So Gott will, werden auch alle die Menschen die heute unter Hunger, Krankheit und Unterdrückung leiden, einmal in diesen Genuss kommen.

Herumstromern in: Side

Side, meine neue Heimat, hat eine bewegte Geschichte. Hethiter, Perser, Griechen, Römer, diverse Piraten, Araber und die Byzantiner besuchten, besetzten und besiedelten die heutige Altstadt auf der Halbinsel, die jetzt zwischen den touristischen Hotelzentren liegt. Vor ca. 6000 Jahren (darüber gibt es sehr unterschiedliche Angaben) bis ca. 1200 n.Chr. soll hier eine wichtige Hafenstadt (u.a. mit Sklavenmarkt) gewesen sein, die dann durch ein Erdbeben zerstört wurde. Erst um 1900 herum begann wieder eine Besiedlung durch Türken, die von der griechischen Insel Kreta vertrieben wurden. Ein kretisches Kulturhaus erzählt davon, aber das hab ich noch nicht besucht, das folgt inschaAllah ein anderes Mal.

Das war ein sehr gekürzter Überblick über die Geschichte von Side, es gibt viele Seiten die detaillierter Berichten, da brauche ich das nicht wiederholen. Mich hat schon bei meinem ersten Besuch hier, Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, die Atmosphäre fasziniert. In Side spaziert man einfach so zwischen den Hinterlassenschaften der Kulturen herum. Für manche ist das nur eine Menge langweiliger alter Steine. Ich allerdings liebe es, einfach nur so herumzustrolchen und mir vorzustellen, wer hier wohl alles schon so gelebt hat und die gleichen Wege gegangen ist.

So habe ich mir heute – „der Mai ist gekommen“ – einen ausgiebigen Frühlingsspaziergang mit Touristenaugen durch das antike Side gegönnt, einschließlich Museumsbesuch. Nächste Woche beginnt ja der Fastenmonat Ramadan, oder Ramazan, wie er hier genannt wird. Wie ich mich kenne, hab ich dann keine Energie tagsüber in der Wärme viel zu unternehmen (ob das abends nach dem Fastenbrechen anders ist, sei mal dahingestellt). Nicht zu essen fällt mir nicht so schwer, ich mache sowieso meistens „intermittierendes Fasten“, aber normalerweise trinke ich natürlich dann. Egal, Schluss mit der Vorrede, ich will ja nur ein paar Eindrücke teilen.

Los geht es von mir zu Hause an an die Strandpromenade, das sind ca. zehn Minuten Fussweg. Und dann einfach die Promenade, oder unten am Wasser entlang Richtung Side. Das ist mein fast täglicher Spazierweg, bis in die Altstadt habe ich ungefähr 3 km zu gehen.

Und dann ist man auch schon fast beim Museum von Side, das liegt in der Nähe des antiken Theaters. Mit meiner kürzlich in Alanya erworbenen Müze-Card kann ich da jetzt so oft hinein wie ich möchte. Die hat 70 TRY gekostet, also ca. 11 € und gilt ein Jahr für viele staatliche Museen. Ich denke, ich werde schon alleine wegen der Aussicht öfters mal in das Museum gehen und einfach nur da in Ruhe sitzen.

In den Ausstellungsräumen finden sich Alltags- und Schmuckgegenstände der verschiedenen Epochen, und viele Skulpturen. Hier stehen „Götter“, „Halbgötter“ (ich sollte vielleicht lieber „Götzen“ schreiben, aber ich denke es ist bekannt, dass ich Monotheistin bin und an die doch allzu menschlichen griechischen und römischen „Götter“ nicht glaube), Kaiser, Soldaten und ganz normale Menschen einträchtig und mehr oder weniger gut erhalten beieinander. Sogar zwei Sphinxen sind mir begegnet.

Diese kleinen Vasen könnten mir durchaus für meine Wohnung gefallen. Unglaublich, dass die tausend Jahre oder älter sind…

Solch eine detailgenaue Arbeit finde ich faszinierend. Und wie steht wohl dieses Paar zueinander? Was mögen sie zu besprechen haben? Sie schaut ein wenig sorgenvoll, finde ich…

Leider kann ich die Schrift nicht lesen, sonst wüsste ich, was die beiden Herren da gerade per Handschlag vereinbaren. Aber so kann ich mir eine Geschichte ausdenken, auch schön.

Gestatten, Herakles. Ein Bild von einem Mann, etwas mitgenommen ist er.

Ein Imperator, soweit ich mich erinnere und eine der Sphinxen.

Drei Herren und schau an: einfach eine Frau, ganz ohne ihr zugeschriebene göttliche Eigenschaften.

Und schon geht´s wieder raus aus dem Museum und kreuz und quer durch die Ruinen.

Ein Krankenhaus aus byzantinischer Zeit…mein Krankenschwesternherz fühlt sich angesprochen und denkt sich Geschichten aus.

Das antike Theater von Side und – nein, das ist keine Mohnblume, :-). Sehr hübsch, aber macht eigentlich keiner mehr so ganz normale Fotos? Überall posieren die Leute, als ob sie zeigen wollten, was sie in ihrem Wochenend-Model-Lehrgang gelernt haben. Ist das eine Krankheit des Instagram-Zeitalters?

Und schon wieder am Meer und in der touristischen Zone angekommen:

Auf oder neben diesem Schiffchen im Hafen von Side kann man übrigens lecker Fisch essen. Das „Balık-Ekmek“ aktuell für 20 TRY. Dafür esse ich zwar in meinem Lieblingsimbiss in Manavgat fast ein ganzes Menü, aber die Atmosphäre hier hat ja was. Und dann kann man ja in dem kleinen „Girit Kahvesi“, also dem „kretischen“ Cafe, das von der Gemeinde betrieben wird, sehr, sehr günstig einen Çay trinken. 3 TRY hab ich heute für einen Tee samt Keks und ein Wasser bezahlt. Teşekkür ederim, Manavgat Belediyesi!

So sah es heute auf der „Hauptstraße“ in der Altstadt aus. Im Sommer ist hier ja kaum ein Durchkommen. Ich mag diese Zeit jetzt, wenn die Saison so langsam losgeht, es aber noch nicht überfüllt ist.

Ja, das war mein Spaziergang am Samstag vor dem Monat Ramadan. 17800 Schritte sagt mein Schrittzähler, das werde ich wohl im Fastenmonat nicht hinbekommen.

Ich hoffe es hat Euch gefallen, bis bald, görüşürüz!

Wandertag: Von Ilıca nach Evrenköy (und zurück)

Endlich ist es so richtig Frühling geworden hier an der türkischen Riviera. Wir haben einen langen und sehr nassen Winter hinter uns gebracht und die Temperaturen sind auch längst nicht so, wie man es um diese Jahreszeit hier kennt. Aber jetzt ist es gerade sehr angenehm, um sich in der Natur zu bewegen. Ich laufe auch im Winter normalerweise viel, aber in diesem Jahr ging das ja gar nicht, weil es viel zu nass und matschig war.

Aber vergessen wir das und freuen uns an dieser Jahreszeit, bevor die ganz große Hitze kommt! Dann mag man sich nämlich tagsüber kaum bewegen. Ich war heute alleine unterwegs und bin einen Weg gegangen, der hier im Wanderblog des GEM-Dernek beschrieben ist (Weg Nr.1). Der GEM-Dernek ist ein Verein in Manavgat, der Ausländer unterstützt, sich hier in der Türkei zurechtzufinden und der Treffen und Unternehmungen anbietet. Ich verlinke Verein und Blog mal in meine Seitenleiste.

Ich liebe die Beschreibungen im Wanderblog und hab mir das einfach ausgedruckt…Die sind nämlich so in der Art: „Vor der Brücke (ohne Geländer), rechts in den Feldweg abbiegen….“. Ich brauch solche Ansagen, denn mein Hirn streikt bei Aussagen wie sie das Navi gerne macht: „Richtung Norden….“.

So hab ich mich gut zurechtgefunden. Durch das Örtchen Ilıca geht es los ins Dorf Evrenköy, dort kann man das Nomadenmuseum besichtigen und dann geht es durch die Natur- und Kulturlandschaft, durch Obst-, Oliven- und Palmenplantagen wieder zurück nach Ilıca. Nach Ilıca kommt man leicht mit dem Dolmuş. Und es grünt und blüht jetzt, so schön!


Natürlich hab ich wieder Fotos gemacht. Ich hab mir ja in diesem Jahr mal eine ordentliche Kamera zugelegt. Kann sein, dass Profis einiges auszusetzen haben an der Qualität – ich bin nämlich absolute Laiin und hab außerdem echt schlechte Augen, aber im Vergleich zu Handyfotos sehe sogar ich den Unterschied. Leider war die Sicht auf das Gebirge heute nicht so toll – etwas diesig.

Moschee in Ilıca
Babyschildkröte getroffen, 🙂

Im liebevoll gestalteten Nomaden-Museum (Yörük Müzesi) bekommt man einen Eindruck von der nomadischen Kultur, die die Region um Antalya lange Zeit geprägt hat (das war die Phase vor der touristischen Kultur…)

Das Museum hat täglich von 8:30 bis 17:30 geöffnet, der Eintritt ist frei, Spenden werden gerne genommen. Es gibt eine Führung in türkischer Sprache und eine kleine Broschüre auch in Deutsch.

Die Adresse ist: Evren mah. Küme evleri No. 8 Manavgat/Antalya

Die Telefonnummer lautet: 0242 7476020

Ich bin ungefähr 12 km gelaufen, sagt mein Schrittzähler, der reine Wanderweg dürfte so um die 10 km haben und ist leicht zu bewältigen, mit ein paar Feldwegen eben, also nicht kinderwagenfreundlich. Ich hoffe, mein Bericht hat Euch gefallen und Lust darauf gemacht, die Gegend um Side mal zu erkunden – sprich (das richtet sich an die AI-Touristen) auch mal das Hotel zu verlassen und sich in die Landschaft zu trauen.