Bürokratie – Teil 5 – ich, die Technik und die türkische Sprache

Ein kurzer Beitrag über meine heutige Heldentat: ich habe es geschafft, mir bei der Post eine „E-Devlet-Şifresi“ zu besorgen. Das ist eine PIN, mit der man sich dann bei diesem Regierungsportal einloggen kann. Dort ändert man dann sein Passwort wieder und kann fortan dort allerlei Dienste in Anspruch nehmen, Bescheinigungen ausdrucken usw. Mir ist jedenfalls mein erstes Anliegen schon gelungen, ich brauchte nämlich für die Bank eine aktuelle Meldebescheinigung. Für diese muss man neuerdings ansonsten zur Ausländerbehörde, was mir zu aufwendig war. Was sonst auf diesem Portal noch alles möglich ist, konnte ich noch nicht erkunden. Da stoße ich mal wieder an die Grenzen meiner spärlichen Türkisch-Kenntnisse. Das ist wieder ein anderes Thema – ich bin seit letztem Herbst nicht mehr in den Türkisch-Kurs gegangen und hab das Gefühl, wieder sehr viel vergessen zu haben. Im Alltag brauche ich es hier nur sehr wenig. Aber natürlich ist mein Anspruch an mich, endlich besser Türkisch zu lernen. Das ist aber eine unendliche Geschichte mit -zig Anläufen seit 2003, immer wieder unterbrochen. Also, ich tu mich da schwer. Da ich ja relativ oft verreise, verpasse ich immer Teile des Kurses und finde dann den Anschluss schwer.

Na, aber immerhin: ich bin zur Post gegangen, hab mich verständlich gemacht, dass ich diese „E-Devlet-Şifresi“ brauche und habe geschafft, sie zu bekommen, hab mich auf dem Portal angemeldet und meine Meldebestätigung. Wenn das nicht ein Erfolgserlebnis ist.

Gebraucht habe ich: mein Ikamet (das Kärtchen für die Aufenthaltserlaubnis) und meine türkische Telefonnummer, die dort dann gleich eingetragen und bestätigt wurde und 2 türkische Lira (ca. 30 €-Cent).

Elhamdülillah,Bayram!

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen!

Da ist er, der Neumond von Schawwal!

Der Neumond des 10. Monats im islamischen Kalender wurde gesichtet und somit ist nun, wie ich schon vermutet hatte, heute auch „Bayram“ (Feiertag) für mich gewesen. Elhamdülillah (türkische Version von „Alhamdulillah – Gott sei Dank, alles Lob gebührt Allah)

Da ich hier in der Türkei keine Familie habe und auch bislang keine Gemeinde, mit der ich den Tag verbringen könnte (ich habe ja erst letzte Woche ein paar schiitische Schwestern kennen gelernt, aber die sind in Antalya, was für mich ja auch eine mehrstündige Anreise bedeutet) habe ich den Tag mit einer Freundin am Strand verbracht. Ein paar Eindrücke gibt es hier (nur Handybilder, ich wollte die Kamera da nicht einem ganzen sandigen Tag aussetzen, 🙂 ). Heute waren auch viele türkische Familien am Strand, hier sind ja insgesamt 9 Tage Feiertagsferien ausgerufen worden, die viele auch zu einer Reise nutzen. Natürlich muss all das Hotel- und Servicepersonal arbeiten.

Wir waren in unserem bevorzugten „Beach-Club“, der „Coppa Beach“ in Side-Kumköy. Viele Strandabschnitte sind ja von den große Hotels belegt, aber es gibt einige freie Strände, oder auch kommunale, bei denen man für wenig Geld einen Liegestuhl mieten kann, oder einen umsonst bekommt, wenn man etwas verzehrt. Ich hab normalerweise nur 10 Min. Fussweg zum Strand, aber zum heutigen Ziel muss ich ca. 3 km laufen, oder den Bus nehmen. Ich gehe aber gerne am Wasser entlang dorthin. Heute habe ich es mal richtig krachen lassen…Kaffee, Wasser, Softdrink, Pizza…..für 60 türkische Lira, macht nach heutigem Kurs 9,31€ plus Trinkgeld. Das kann man sich zum Festtag auch als Frührentnerin mal leisten. Und dieser Beach-Club gehört zu den teureren.

Liegestuhlperspektive
plitsch,platsch, an der Wasserkante wieder nach Hause..

Gut gelaunte Festtagsgrüße an die Welt!

Zweite Woche des Monats Ramadan 2019: Gedanken über „Zeitvertreib“

Das diesseitige Leben ist nur Zerstreuung und Spiel. Die jenseitige Wohnstätte ist wahrlich das (eigentliche) Leben, wenn sie es nur wüssten!

(Heiliger Quran, Sure 29 – die Spinne – Vers 63)

Die zweite Woche im diesjährigen Monat Ramadan ist vergangen und Gott sei Dank: ich habe weiter gefastet und das ohne größere Probleme, so dass ich zuversichtlich bin, dass dieses der erste Monat Ramadan seit Jahren sein wird, den ich durchgehend faste.

Mein Tagesrhythmus ist weiterhin ganz anders als in gewöhnlichen Zeiten, aber mit einer langen Mittagsruhe halte ich ganz gut durch. Dafür ist der Nachtschlaf kürzer, aber vormittags bin ich trotzdem recht produktiv und habe einiges geschafft. Eher Kopf- als körperliche Arbeit, denn ich fühl mich schon ein bisschen schlapp, aber nicht in bedenklichem Ausmaß. In dieser Woche war ich eher an den Nachmittagen spazieren, oder etwas erledigen, aber auch das ging ganz gut. Es ist ein gutes Gefühl, nicht allen Versuchungen erliegen zu „müssen“ die mir so begegnen. Ich bin ja eine, die sonst an Eisbuden und Konditoreien schwer vorbeikommt. Nicht dass ich jetzt nicht nasche, aber ich muss es dann eben in den Abend aufschieben und erstaunlicherweise muss in diesem Monat nicht jedes Bedürfnis sofort befriedigt werden.

Ich lese weiter täglich ein Stück in meiner Koranübersetzung und das woran ich öfter „hängenblieb“, waren Sätze wie der obige Auszug…Und, ich „oute“ mich: ich habe bis zu diesem Monat für eine ganze Weile ein Onlinespiel gespielt, ein Aufbau- und Strategiespiel…ein „Abschiedsbild“ aus meiner Spielwelt seht Ihr oben.

Das ist kein Ballerspiel oder so, nein, man versucht eine Stadt mit zufriedenen Bewohnern aufzubauen, in dem man eine gute Infrastruktur schafft, man muss Aufgaben erfüllen, mit Freunden kooperieren, kann anderen helfen oder Hilfe erfahren, Handel treiben, neue Ziele erforschen. Na gut, manchmal überfällt man auch mal seine Nachbarn, aber man ist nicht gezwungen, sie auszurauben, *lol*. Da ich keine große Fernsehguckerin bin, hab ich mich dabei entspannt und mir die „Zeit vertrieben“.

Und genau wegen des „Zeit Vertreibens“ hab ich das jetzt eingestellt. Meine Zeit auf dieser Erde ist knapp bemessen. Sicherlich brauchen wir Entspannung und ich werde jetzt auch nicht jede freie Minute mit sinnvoller Lektüre verbringen, oder nützlichen Arbeiten. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich zu viel damit beschäftigt, meine Zeit so geplant habe, dass ich mit meinen „Freunden“ im Spiel die gegenseitigen Hilfsaktionen verabreden konnte, mich immer wieder einloggen musste, um virtuelle Produktionen aus meinen virtuellen Fabriken einzusammeln usw. Außerdem war ich immer wieder geneigt, echtes Geld auszugeben, um in dem Spiel voranzukommen. Ist meiner Meinung nach nicht schlimmer als Geld für Netflix, Kino, seichte Literatur oder Konzerte zu bezahlen, aber muss ja nicht unbedingt sein.

In der 103. Sure im heiligen Quran wird der Mensch auch darauf hingewiesen, dass er im Zustand des Verlustes ist, d.h. das seine Zeit stetig verrinnt – so jedenfalls hat man mir die Bedeutung dieser Sure erklärt:

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.
1. Bei der Zeit,
2. Wahrlich, der Mensch ist in einem Zustande des Verlusts,
3. Außer denen, die glauben und gute Werke tun und einander zur Wahrheit mahnen und einander zum Ausharren mahnen.

Heiliger Quran, Sure 103, Al Asr)

Es gibt so viele Möglichkeiten, Zeit zu verschwenden, ich muss sie ja nicht alle nutzen. Ich fand jedenfalls, dass das Spiel ein Beispiel ist dafür, wie wir womöglich am Ende unseres Erdendaseins unser ganzes Leben betrachten werden….sehr vieles davon wird uns einfach nichtig erscheinen. Und manches Materielle wird am Ende genauso wenig wert sein, wie die virtuellen Schätze aus einem Browserspiel. Aber es ist o.k. für mich, es mal gespielt zu haben und ich hab mich freundlich von den Menschen verabschiedet, die da ganz woanders an ihren Computern sitzen und mir geholfen haben, mich da zurechtzufinden.

Wenn ich aber jetzt Entspannung suche, dann doch eher wieder mit einem Krimi, oder auf Fotosafari…schließlich ist jetzt die schönste Zeit hier in der Türkei, finde ich. Alles blüht, wenn ich durch den Garten unserer Anlage gehe, umwehen mich Rosen-, Oleander- und Jasminduft, das Meer ist sagenhaft blau und die Temperaturen sehr angenehm, noch nicht zu heiß. Ich habe es wirklich so gut, alhamdulillah!

Früher hab ich eine Zeitlang Bildbearbeitung geübt, leider läuft mein altes Programm nicht mehr auf den neueren Computern, darum musste ich das aufgeben. Ich bin noch auf der Suche nach einer bezahlbaren Alternative, denn das war für mich eine meditative Beschäftigung, da habe ich mich während der Basteleien oft mit Koranzitaten oder Überlieferungen beschäftigt und versucht, diese visuell zu gestalten. Das würde ich gerne wieder tun, allerdings dann eher im Winter.

Ich freue mich aber auch, dass ich im heiligen Monat jetzt die Konzentration für das eine oder andere freiwillige Gebet mehr aufbringe, oder zum Koranlesen, oder um mal wieder ein islamisches Buch aus meiner kleinen Bibliothek zu lesen.

Was es sonst noch zu berichten gibt: mich hat der Nestbautrieb gepackt. Ich wohne ja fast seit 1,5 Jahren hier, aber die Ausgestaltung meiner/unserer Wohnung macht gerade Fortschritte und jetzt habe ich langsam das Gefühl, dass ich ihr so richtig meinen Stempel aufgedrückt habe. Ich lasse mich wohl jetzt so richtig häuslich nieder und glaube, dass die Aufgabe meiner Wohnung in Deutschland dieses Gefühl erst richtig möglich gemacht hat. Und vielleicht ist es für mein Wohlgefühl auch nötig, dass ich es so richtig schön gestalte. Also so wie ich es schön finde. Mein Mann ist ja selten hier und ihm gefällt es, wenn es mir gefällt, sagt er. Es stehen noch Bau- und Renovierungsarbeiten an, aber die müssen bis September warten, bis er wieder hier ist. Bis dahin kümmere ich mich um so Sachen wie Schränke, Bettwäsche, Geschirr und Lampen. Auch das alles nur für das diesseitige Leben wesentlich – aber es heißt ja nicht, dass wir uns daran nicht erfreuen dürfen. Ich brauche keinen irrsinnigen Luxus, aber ich genieße es, es mir gemütlich zu machen. Da ich ja sehr viel aus meinem „alten“ Leben verschenkt oder verkauft habe, weil es sich nicht lohnte es in die Türkei zu überführen, freue ich mich, dass man hier schöne Sachen preiswert kaufen kann. Und es wandern auch immer mehr Bücher aus meiner kleinen islamischen Bibliothek mit hierher, nach jeder Reise nach Deutschland bringe ich ein paar mit. Da wundere ich mich manchmal, welche Schätze ich da so lange nicht in die Hand genommen habe. Hier wird es mehr und mehr zu meinem Zuhause.

Also, wenn ich nach einem knappen halben Monat Ramadan eine Zwischenbilanz ziehen soll: ich bin dankbar und zufrieden – nicht 100% zufrieden mit mir, aber ich habe diese Zeit doch besser genutzt als manche andere – und sie nicht „vertrieben“.

In der dritten Woche dieses Monats werde ich inschaAllah ein wenig geselliger sein, ich plane ein „Iftar“, ein Fastenbrechen mit Freundinnen. Und es steht die erste der besonderen heiligen Nächte an, die möchte ich auch gut nutzen. Ich werde berichten, inschaAllah!

Genug für heute! Ich wünsche allen muslimischen und nicht muslimischen Geschwistern einen weiteren gesegneten Monat!

Auswandern in die Türkei: Bürokratie Teil 4 – das Krankenkassendrama

Heute berichte ich vom nächsten bürokratischen Akt: ich habe ja nun schon leichtfertig behauptet, dass ich fortan mit meinem deutschen Auslandskrankenschein „T/A 20“ in der Türkei bei der SGK, der türkischen gesetzlichen Krankenkasse versichert wäre. Also nachdem ich diesen Schein eingereicht habe. Was heute geschehen sollte. Wie aber schon im Stillen befürchtet, wurde der nicht angenommen, da es unterschiedliche Auslegungen des Sozialversicherungsabkommens bei den deutschen und der türkischen Krankenkasse gibt.

Das Problem ist: der befristete Auslandskrankenschein, „T/A11“ ist nur 183 Tage, ab korrektem Einreisedatum gültig, so die Regel seit Jahresbeginn. Vorher gab es viele Auswanderer, die den Schein mit einem Jahr Gültigkeit hatten und sich danach einfach einen neuen schicken ließen, egal ob sie zwischendurch mal ausgereist waren, oder nicht. Nun ist das nicht mehr erlaubt, sondern der Schein ist nur diese Frist gültig und das Einreisedatum muss stimmen. Bleibt man länger als 183 Tage im Land, braucht man den „T/A 20“. GROSSES ABER: reist man aber zwischendrin aus, nimmt die SGK keinen „T/A 20“ an, sie will das man zwingend einmal die 183 Tage im Land „abgesessen“ hat. Meine deutsche Krankenkasse wiederum, betrachtet den „T/A 20“ auf jeden Fall als das richtige Modell, wenn man keinen deutschen Wohnsitz mehr hat. Tja. Und nun?

Also man hat mir jetzt einen neuen „T/A 11“ geschickt, obwohl ich keine Wohnung mehr in Deutschland habe. Und wenn da nicht eine Klärung herbeigeführt wird, wird es wohl ewig dabei bleiben, dass ich diesen immer wieder neu einreiche, dann ich bin bis jetzt noch kein halbes Jahr durchgehend im Land geblieben, schließlich besuche ich meinen Mann und meine Familie in Deutschland häufiger. Der deutschen Krankenkasse leuchtet das auch nicht ein. Es soll aber diese Woche ein Treffen auf höchster Kooperationsebene des deutsch-türkischen Sozialversicherungsabkommens geben, bei dem inschaAllah Fortschritte bei diesem Thema erzielt werden. Das Thema betrifft mich ja nicht alleine, sondern die Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse berichtete von vielen Fällen.

Ob bei Aus- und Wiedereinreise innerhalb der 183 Tage Gültigkeit des „T/A 11“ jedesmal ein neues Formular eingereicht werden muss, darüber sind sich die Angestellten jedenfalls bei der SGK in Manavgat uneins. Die Sachbearbeiterin heute morgen wollte einen neuen sehen, der wurde dann gefaxt und ihr Kollege hielt ihn dann aber für überflüssig, so dass wir uns den zweiten Besuch dort auch hätten sparen können.

Kurz zusammengefasst:

  • Für Aufenthalte bis zu 183 Tagen wird der „T/A 11“ der deutschen Krankenkasse benötigt
  • Dauert der Aufenthalt länger als 183 Tage, will die SGK einen „T/A 20“ sehen
  • Ist man kürzer als 183 Tage in der Türkei, braucht man wieder einen „T/A 11“, wenn man zurückkommt
  • Ob nach jeder Ausreise innerhalb der 183 Tage Gültigkeit ein neuer „T/A 11“ nötig ist, darüber herrscht mindestens bei der hiesigen Geschäftsstelle der SGK Unklarheit.

Richtig ärgerlich wird es mit dem „T/A 11“ dann wohl bei der Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung, des „Ikamet“. Denn dann braucht man eine Versicherung für die gesamte Laufzeit. Der „T/A 20“ würde meines Wissens ausreichen, weil er ja unbefristet gültig ist. Hat man keinen, braucht man also eine private Versicherung, die eigentlich rausgeschmissenes Geld ist, weil die meisten nur 40% der Kosten abdecken, dann bin ich doch lieber gesetzlich versichert. Aber nun ja, ich hab ja beim ersten Ikamet auch so etwas abgeschlossen und die Kosten verschmerzt, genutzt hab ich es nie.

Soweit ich aus der hier angehängten Broschüre der SGK ersehen kann, gilt diese Frist von 183 Tagen nur für deutsche Rentner. Wer noch eine Rente eines anderen Landes bezieht, das ein Sozialversicherungsabkommen mit der Türkei hat, ist davon nicht betroffen. Warum auch immer. Ich habe munkeln hören, dass Deutschland etwas für türkische Rentner erschwert hat, vielleicht ist das die Retourkutsche.

Viele Ausgewanderte, die sich bislang mit dem „T/A 11“ durchgehangelt haben, werden jetzt jedenfalls auf den „T/A 20“ umsteigen müssen. Ich, die das gerne würde, kann es nicht, :-(. Mal abgesehen davon, dass sich die Türkei damit selber schadet, denn „T/A 20“ bedeutet regelmäßige Zahlungen der deutschen an die türkische Krankenkasse.

Reisevorbereitungen: Mit dem Auto nach Hause in die Türkei (und noch ein wenig Bürokratie)

Nachdem ich mich durch den bürokratischen Dschungel gequält habe – es gab noch ein paar Telefonate mit verwirrten Krankenkassen-Mitarbeitern und Versicherungen – laufen jetzt die Vorbereitungen für die Autofahrt von Kassel nach Side. Am Sonntag wollen mein Mann und ich starten und die erste Tagesetappe soll bis Budapest führen, da wollen wir zwei Übernachtungen einlegen. Eigentlich nur 1,5 Übernachtungen, denn Dienstag soll es in aller Frühe weitergehen um möglichst hinter die türkische Grenze zu kommen. Ca. 3100 km liegen vor uns.

Gerade zerlegen wir ein paar Möbel die mitreisen sollen. Es gibt ja sehr schöne und günstige Möbel in der Türkei zu kaufen, aber wir haben hier noch ein paar gut erhaltene Kommoden aus Massivholz aus einem Nachlass, die zu den Betten passen, die mein Mann schon letztes Jahr mitgenommen hat. Auch ein Vertiko für das Wohnzimmer ist dabei, da suche ich schon lange was Passendes und hab nichts gefunden. Das braucht dann aber einen Anstrich, da „Kiefer natur“ nun so gar nicht in mein Wohnzimmer passt. Dazu muss noch einiger Kleinkram aus meiner aufgegebenen Wohnung mit und natürlich ein paar lebenswichtige Sachen, die ich in der Türkei nicht bekomme, :-D. Ich zittere ja ein wenig vor der Fahrt mit dem betagten Auto meines Mannes, das ich immer „das Schiff“ nenne. Es ist nicht unbedingt ein Fahrzeug nach meinem Geschmack, zu viele PS. Hat aber sowohl Autogas als auch Benzinantrieb, was echt viel Geld spart. Ich werde von der Fahrt inschaAllah berichten. Vermutlich wird man uns an ein paar Grenzen ärgern und wir müssen alles ausräumen, jedenfalls hat mein Mann im letzten Jahr diese Erfahrung gemacht. Man wollte ihm einfach nicht glauben, das unter dem ganzen Hausstand den er geladen hatte, kein Fernseher dabei war….

Was die Bürokratie-Überreste angeht: bei der Krankenkasse herrschte ein wenig Verwirrung, über den Bestand meiner Versicherung. Aber man hat mir inzwischen zweimal schriftlich bestätigt, dass ich auch weiterhin in Deutschland meine Karte der Krankenkasse benutzen kann, wenn ich mich zwischendurch hier aufhalte, was ja alle paar Monate der Fall ist. Meinen „T/A 20“ habe ich schon erhalten und werde ihn dann übernächste Woche bei der SGK in Manavgat einreichen. Geärgert habe ich mich über eine Zahn-Zusatzversicherung, die mir zwar keine Leistungen in der Türkei bezuschusst, mich aber auch nicht vor Jahresende aus dem Vertrag entlässt. Wäre ich gar nicht mehr Mitglied bei einer deutschen Krankenkasse wäre das anders, aber ich bin ja pflichtversichert als Rentnerin. Bei einer anderen Zusatzversicherung ging das unproblematisch. Der ADAC bietet mir auch keine „Plus“-Mitgliedschaft mehr, also hab ich gekündigt.

Die Anwartschaft für die deutsche Pflegeversicherung kostet mich ca. 15€ im Monat, das soll es mir wert sein. Dadurch habe ich sofort Ansprüche, sollte ich zurück nach Deutschland ziehen. Und es fällt ja der Beitrag zur Pflegeversicherung bei der Rente weg.

Auswandern: Bürokratie Teil 2 – Was ist in Deutschland zu tun?

Ein leicht verrücktes Haus in Manavgat

Die Zeit rennt und plötzlich ist es nur noch eine Woche bis ich nach Deutschland reise um dort meine Wohnung aufzulösen, eine Menge von Ämtergängen zu erledigen und dann endlich im April wieder hier in Side zu Hause anzukommen, dann ganz und gar ausgewandert.

Ich hoffe, es ergeht mir bei all den Ämtergängen nicht wie Asterix und Obelix im „Haus, das Verrückte macht„.

Ich dachte, ich teile hier mal meine „To do“-Liste von Dingen die erledigt werden müssen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Gehört nicht zu den Ämtergängen, muss aber erledigt werden: Wohnung räumen, Renovierung mit dem Hauswart besprechen und entweder selbst erledigen oder machen lassen
  • Für nicht verkaufte oder verschenkte Möbel den Sperrmüll bestellen, oder schauen wohin man die spenden kann (meine Sachen sind alle noch nicht alt)
  • Strom und Wasser ablesen und Schlussstände bei den Versorgern melden (gekündigt hab ich schon)
  • Abmeldung beim Einwohnermeldeamt (ist bei Umzug ins Ausland erforderlich, außerdem braucht man u.U. die Abmeldebescheinigung später mal beim Konsulat, bei der Krankenversicherung oder anderen Behörden im Ausland)
  • Rundfunkbeitrag abmelden
  • Steuererklärung für 2018 erledigen und abschicken. Ich hab nachgefragt, für 2019 ist dann auch noch das Bremer Finanzamt zuständig und danach dann für Auswanderer das Finanzamt Neubrandenburg. Vielleicht befreit man mich aber auch davon, zukünftig eine Steuererklärung abgeben zu müssen.
  • Zur Rentenversicherung gehen und mitteilen, dass ich jetzt wie angekündigt ins Ausland ziehe. Da ich weiterhin meine Rente auf mein deutsches Konto erhalte und ich in Deutschland Steuern zahle, wird sich da nicht viel ändern. Man hat mir aber gesagt, dass es durch die Adressänderung in einem Monat eine Verzögerung bei der Zahlung geben kann. Ich habe den Umzug im Vorfeld mit der DRV besprochen, um keine unangenehmen Überraschungen zu erleben, aber bei mir bleibt alles wie gehabt.
  • Bei der Rentenversicherung für meine Betriebsrente muss ich auch Bescheid geben.
  • Bei der Krankenkasse vorsprechen und die neue Adresse im Ausland mitteilen und den „T/A 20“ Auslandskrankenschein beantragen. Das kann noch spannend werden – bis jetzt war ich mit dem „T/A 11“ bei der türkischen gesetzlichen Krankenkasse, der SGK, versichert, der höchstens immer ein halbes Jahr gültig ist. Meine Krankenkasse will aber, dass ich den „T/A 20“ nutze, wenn ich keinen deutschen Wohnsitz mehr habe. Da der dann langfristig gilt, ist mir das sehr recht. Nur sehe ich leider Probleme in der Türkei auf mich zukommen, denn beim letzten Mal hat man mir bei der SGK gesagt, ich müsste ein halbes Jahr ununterbrochen in der TR geweilt haben, damit der „T/A 20“ akzeptiert würde. Das passiert aber nie, da ich ja immer mal nach Deutschland reise, mindestens alle drei Monate bislang. Also kann es sein dass ich doch erstmal noch mit meiner Krankenkasse über den „T/A 11“ verhandeln muss. Die haben mir zugesichert, dass ich nicht ohne Versicherungsschutz sein würde, schließlich zahle ich Beiträge in Deutschland, also irgendwie muss das funktionieren. Anscheinend gibt es nach einer Umstellung unterschiedliche Auslegungen bei der deutschen und türkischen Krankenkasse. Ich bin froh, dass mein Mann bei mir ist, wenn ich im April wiederkomme und mir da helfen kann.
  • Für die Pflegeversicherung, kann ich eine Anwartschaft zum reduzierten Beitrag beantragen, das mache ich natürlich, man weiß ja nie.
  • Und apropos Krankenkasse: ich werde noch schnell beim Zahnarzt und der Gynäkologin und der Hausärztin alle Vorsorgeuntersuchungen machen lassen um den Bonus für dieses Jahr zu retten! Und mir bei meiner Fachärztin meine Arztbriefe mitgeben lassen, vielleicht brauche ich die ja mal.
  • Zu meiner Hausbank: auch da habe ich schon vorgefühlt, ob ich denn mein Konto behalten kann und sie haben zugestimmt, aber ich werde jetzt natürlich erstmal hingehen und die türkische Adresse hinterlegen und fragen, wie es denn zukünftig z.B. funktioniert, wenn ich neue Kreditkarten o.ä. brauche. Ich hab noch andere Banken, die aber nicht so eilig zu benachrichtigen sind, weil da keine regelmäßigen Zahlungen erfolgen, das drängt also nicht.
  • Zur  Führerscheinstelle. Ich will einen neuen Führerschein beantragen, da der alte noch auf meinen ehemaligen Ehenamen läuft und denke es ist vielleicht auch nützlich, einen internationalen Führerschein zu haben, also auch den beantragen.

Das ist die Liste, wie ich sie bis jetzt im Kopf habe, vielleicht hilft sie ja dem einen oder der anderen, die sich auch mit dem Gedanken an eine endgültige Auswanderung trägt. Oder Ihr wisst noch etwas, was ich nicht weiß und habt Tipps für mich und andere, dann schreibt es gerne in die Kommentare!

Ich hoffe, ich hänge am Ende nicht so herum:

Und bei all dem Gerenne werde ich mich ja auch noch von meiner Heimatstadt verabschieden und von vielen lieben Menschen, die ich jetzt noch seltener sehen werde. Alles hat seinen Preis. Ich bin trotzdem sehr glücklich über diese Entscheidung und will meine Zeit hier im schönen Side nutzen. Ob ich mal wieder nach Deutschland zurückkehre weiß ich noch nicht. Wenn meine Familie mich braucht, dann sicherlich. Ansonsten werde ich wohl hier heimisch werden, oft zu meinem Mann nach Kassel reisen (und er hoffentlich auch oft herkommen) und darauf warten, dass auch er in die Rente geht und wir dann unsere Zeit gemeinsam genießen können.

Enttäuschte Liebe

Seit ich mich hier in der Türkei niedergelassen habe, lese ich natürlich gerne Erfahrungsberichte von anderen Auswanderern, oder gucke entsprechende Videos bei YouTube. Was mir dort auffällt, aber auch bei Gesprächen vor Ort (erst gestern wieder im Dolmuş): bei einem ziemlich großen Teil der betreffenden Menschen nehme ich wahr, dass sie unsere deutsche Heimat sehr schlecht reden und die Türkei komplett idealisieren.

Ich finde das hört sich nach enttäuschter (Heimat)Liebe an. Wenn man enttäuscht wurde, neigt man ja dazu, alles Vergangene in schlechtem Licht zu sehen, aber ist das angemessen?

Also ich kann natürlich auch an Deutschland eine Menge auszusetzen finden – die Entwicklung der letzten Jahrzehnte mit immer mehr Sozialabbau, sinkendem Lohnniveau, insgesamt einer Politik die die Interessen der Wirtschaft in den Mittelpunkt stellt und nicht die der Menschen. Das passt mir überhaupt nicht. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, das Suchen von „Sündenböcken“ bei dem ich als Muslima natürlich zu den Auserkorenen gehöre – ich kann mich darüber durchaus aufregen, von der katastrophalen Außenpolitik mit Beteiligung an illegalen Kriegen, Unterstützung von Unrechtsregimes und fehlender Souveränität ganz zu schweigen. Also zu kritisieren gibt es genug. Ich hab es aber nie beim Schimpfen gelassen, ich bin immer auch engagiert gewesen, im Rahmen meiner Möglichkeiten. Und ich störe mich sehr daran, dass so viel Passivität unter meinen deutschen Mitbürgern herrscht, meckern ja, aber auf die Straße gehen – Gott bewahre!

Trotzdem: ich hab mehr nette Menschen in Deutschland erlebt, als solche die mich schlecht behandeln, ich kenne viel Engagement, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit. Ich mag deutsche Direktheit und Ehrlichkeit. Ich habe mit meiner chronischen Erkrankung kompetente Hilfe erfahren und wenig schlechte Erfahrungen gemacht. Ich bin einen Ausbildungs- und Berufsweg gegangen, der mir immer neue Entwicklungsmöglichkeiten gegeben hat und schließlich, als ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte, hat man mir eine, jedenfalls derzeit noch, existenzsichernde Rente gegeben. Und es gibt noch vieles mehr, das ich positiv bewerte.

Ich bin nicht aus Deutschland weggegangen, weil ich es dort so schlecht fand. Andererseits liebe ich natürlich das Leben in der Türkei. Ich hätte durchaus auch persönliche Gründe, über dieses Land schlecht zu reden, hab ich doch mit einigen Menschen hier die übelsten Erfahrungen meines Lebens gemacht, was unter dem Oberbegriff „Unehrlichkeit“ zu fassen ist und das war wirklich schlimm und hat meinem Grundvertrauen in die Menschen einen schweren Schlag versetzt, den ich nur langsam überwunden habe. Aber das verallgemeinere ich doch nicht. In der Regel finde ich die Menschen hier freundlich, hilfsbereit und sehr viel toleranter als in Deutschland. Als Muslima lebt es sich hier natürlich entspannt – aber das war auch nicht immer so! Bis vor 15/16 Jahren gab es hier diese Religionsfreiheit nicht, obwohl die Bevölkerung mit einer überwältigenden Mehrheit muslimischen Glaubens ist. Mein Mann sagt immer, ich wäre damals nicht mal in ein Einkaufszentrum gelassen worden mit meinem Kopftuch. Das ist Gott sei Dank jetzt anders und die offizielle Linie ist, dass hier Menschen aller Religionen ihren Glauben frei ausleben dürfen. Wirklich einer der großen Gründe, warum es mir hier gefällt!

Aber man muss sich auch nicht alles schön reden: Die soziale Absicherung ist lange nicht so wie in Deutschland. Löhne, Sozialhilfe, Renten sind oft nicht existenzsichernd. Es ist allerdings vieles sehr viel besser geworden, ich habe das in Jahren am Beispiel „meines“ Dorfes in Südostanatolien verfolgt. Infrastruktur, Gesundheitswesen, Bildungssystem, Universitäten – da sieht man eine großartige Entwicklung. Die Korruption wird bekämpft. Früher sind Kinder gestorben, wenn die Familie dem Arzt kein „Messergeld“ zusätzlich zu seinem Gehalt gegeben hat, wenn eine Operation nötig war! Das Pflegegeld, wenn man Angehörige versorgt ist so bemessen, dass man davon auch leben kann und keine andere Arbeit braucht – vorausgesetzt, man hat schon eine Unterkunft, ob das für die Miete noch reichen würde, bezweifle ich.

Das sind nur die Beispiele, die mir spontan eingefallen sind. Also, es gibt hier ebenfalls Licht und Schatten und mein „Vorteil“ ist, dass ich nicht alles verstehe, was politisch so diskutiert wird und passiert. Aber mit Sicherheit fände ich auch mehr zu kritisieren, würde ich alles mitbekommen. Da muss ich aber noch viel besser Türkisch lernen. Vielleicht ist einer der großen Vorteile hier, dass die Türkei ein Land ist, dass sich gerade mit großen Schritten entwickelt. Besonders spürbar für die Menschen in ländlichen Gebieten, die viele Jahre lang abgehängt und vernachlässigt wurden, als „dumme Dorftürken“. Da wurde sehr viel Potential verschenkt und natürlich ist dadurch die Entwicklung so deutlich, während wir in Deutschland das Gefühl haben, das alles schlechter wird. Nicht nur das Gefühl natürlich, es wird immer schlechter für „kleine Leute“.

Wenn von Unterdrückung der Meinungsfreiheit gesprochen wird, kann ich das für die Türkei nicht wirklich beurteilen, aber dass wir in Deutschland uns so frei äußern können, ist auch nicht wahr. Bestimmte Themen sind aus Gründen der „Staatsräson“ tabu und da hat man dann berufliche Nachteile, oder man erhält gar keinen Ort zur Verfügung um diese Themen zu diskutieren, usw. Und unser politisches System könnte man vielleicht auch mal hinterfragen, wie kann es angehen, dass die Vertreter des angeblichen Souveräns, des Volkes, so viele Entscheidungen treffen, die ganz und gar nicht im Interesse der absoluten Mehrheit der Menschen sind? Wir haben in Deutschland ja auch nie über unsere Verfassung abgestimmt, im Gegensatz zu den Türken, die das gerade erst getan und dieses Präsidialsystem gewählt haben (übrigens haben sogar die Iraner über ihre Verfassung abgestimmt und das gleich mehrfach, nur so nebenbei).

Also mein Fazit ist, dass wir hier wie dort in keinem perfekten Land leben. Aber da hilft kein Meckern: es sind wir Menschen die dafür verantwortlich sind, die Gesellschaft zu gestalten, egal wo wir leben. Das fängt im Kleinen an und geht bis zu größerem Engagement für eine gerechtere Welt.

Ich halte es weder für den einzelnen Menschen, noch gesellschaftlich für hilfreich, aus enttäuschter Liebe alles schlecht zu machen. Das hindert die Weiterentwicklung, im Großen wie im Kleinen. Besser ist es, die Realität so objektiv wie möglich zu betrachten, die eigenen Anteile an der Entwicklung zu beleuchten und zu schauen, was man selber tun kann für persönlichen und gesellschaftlichen Frieden und Entwicklung.

Dazu habe ich hier mal ein Zitat aus unserem heiligen Buch, dem Koran. Aus der Sure 13 (Ar-Rad -Der Donner). Darin sagt Gott (in ungefährer Übersetzung) von sich selbst:

„Wahrlich, Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist.“

Wie seht Ihr das, liebe Leserinnen und Leser? Habt Ihr auch diesen Eindruck? Über Kommentare freue ich mich!