Danke für die Depression!

Jemand, der oder die, meine Überschrift liest und sich womöglich gerade in tiefer Depression befindet, denkt vermutlich, dass ich spinne….

Aber mir ging in diesen Tagen durch den Kopf, dass es jetzt fast genau 10 Jahre her ist, dass ich wegen meiner Erkrankung aus dem Berufsleben ausgeschieden bin. Ich hatte schon eine Teil-Rente, aber selbst die Belastung mit dem 5-Stunden-Job in einem im Vergleich zu meinen vielen Jahren im Suchtbereich eigentlich ziemlich entspannten Arbeitsbereich, erwies sich als zu anstrengend und ich rutschte wieder in eine depressive Phase ab. Ich ging dann noch einmal in eine Reha, in der ich auch ein paar wesentliche therapeutische Erkenntnisse hatte, die zu meinem inneren Frieden sehr beigetragen haben. Und eine große Verbesserung in der Beziehung zu meinen Eltern brachten. In der man mir dann aber auch ganz dringend die volle Rente empfahl und mir auf den Kopf zusagte, dass meine Depression eine schwere sei (und das war definitiv nicht meine schlimmste Phase).

Einerseits war ich total erleichtert, dass mein Leiden gesehen wurde – andererseits war es aber doch irgendwie ein Schock, dass ich nun so ganz aus dem Beruf ausscheiden sollte. Denn mein ganzes Erwachsenenleben war die Arbeit extrem wichtig für mich. Vor allem wohl für mein Selbstbild und meinen gefühlten „Lebensberechtigungsschein“.

Und jetzt kommt, wofür ich dankbar bin: Dass mich die Depression gezwungen hat, diese Einstellung zu überdenken! Dass sie mich entschleunigt hat, so dass ich nicht mehr mithalten konnte mit dem ganzen Alltagstempo – ausgerechnet ich, die in „guten“ Zeiten immer das größte Klavier alleine tragen wollte. Immer mehr schaffen wollte als andere und möglichst auch noch besser.

Ich musste an meinem Selbstbild arbeiten. Besser gesagt: ich musste meine Illusionen über mich zerstören. Wurde zurückgeworfen auf das was ich wirklich bin. Und das ist ein Mensch, der einen anderen Daseinszweck hat, als nur immer zu arbeiten. Was nicht bedeutet, untätig zu sein. Aber eben nicht mehr den eigenen Wert davon abhängig zu machen, wie viel man arbeitet, oder wie gut man seinen Job macht.

Die Entschleunigung ist eine wunderbare Sache – natürlich wenn man wie ich den Luxus genießt, noch eine auskömmliche Rente zu beziehen. Früher bin ich in „gesunden“ Zeiten durch meinen Tag gerast. Ich hatte zeitweilig einen Vollzeitjob, einen Nebenjob, der mich auch noch gut mal bis zu 10 Stunden in der Woche gekostet hat und bin noch dreimal wöchentlich stundenlang im Fitnessstudio rumgetobt. Und natürlich hab ich auch noch meinen Sohn groß gezogen und Partnerschaft gelebt.

Solche oder ähnliche Phasen sind dann öfters mal in totaler Erschöpfung geendet und dann ging wochen- oder monatelang praktisch nichts mehr. Es gab Zeiten, da lag ich stundenlang wie festgeklebt im Bett und hatte Durst, war aber nicht in der Lage aufzustehen und mir etwas zu trinken zu holen. Wer es nicht erlebt hat, kann sich das kaum vorstellen. Körperlich gibt es keinen Grund für diesen Zustand, jedenfalls keinen sichtbaren. Und doch ist es Realität: es geht einfach nicht!

Bild von Ulrike Mai auf Pixabay

Nebenbei: auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass andere Menschen das gar nicht verstehen können. Und bis ich mir darüber klar wurde, was mit mir los ist, konnte ich es ihnen auch nicht erklären. Wenn in solchen Zeiten einem Faulheit vorgeworfen wird, ist das nicht hilfreich, liebe Angehörige und Freunde!

Also, solche Wechsel gab es mehrfach in meinem Leben. Bis ich es endlich kapieren musste. Und damit ich nicht „rückfällig“ werde, ist die Entschleunigung geblieben. Heute könnte ich gar nicht mehr wie früher, selbst wenn ich wollte.

Deshalb bin ich Rentnerin. Und mit mir inzwischen weitgehend im Reinen. Die Bereiche in denen das nicht so ist, haben mit Arbeit und Leistung nichts zu tun. Langweilig ist mir übrigens nicht. Im Gegenteil. Ich hab ein paar Minijobs probiert, u.a. war ich Kurierfahrerin in Bayern. Das war lustig: als Kopftuch tragende Muslima über die bayrischen Dörfer sausen und irgendwelche Teile in kleinen Baufirmen abgeben – ich mag es ja, die Leute ein wenig zu verwirren.

Als ich vor vier Jahren aus Bayern weggezogen bin, hab ich das aufgegeben und bald danach angefangen mit meiner jetzigen Tätigkeit, die ich von zu Hause aus machen kann. Diese Minijobs haben ganz und gar andere Themen, als ich in meinem langen Berufsleben in der psychiatrischen Pflege hatte. Jetzt mache ich Recherchen, schreibe Artikel und pflege die Social-Media für eine kleine Firma. Mein Horizont hat sich sehr erweitert über meine früheren beruflichen Themen hinaus. Weil mir aber auch hier ein voller Minijob zu viel wurde, hab ich jetzt nur noch eine Mini-Mini-Tätigkeit und das geht gerade so. Es ist nicht ohne Grund so, dass man bei einer vollen Erwerbsminderungsrente täglich nur unter drei Stunden arbeiten darf! Bei mir ist es auf jeden Fall zu viel, wenn ich mehr als zwei Stunden täglich konzentriert sein soll. Und selbst in dieser Zeit brauche ich immer mal kurze Pausen. Die ich mir ja unter diesen Umständen auch nehmen kann.

Ich brauche sehr viel Freiraum. Kann je nach Tagesform meinen Ablauf gestalten. Ich genieße es, am Meer zu spazieren, oder ein bisschen im Hinterland zu wandern. Ich mag lesen, interessiere mich für Politik und Weltgeschehen, bin im Internet unterwegs – spielend, diskutierend, lernend. Versuche immer mal wieder mein Türkisch zu verbessern und bin auch gerne mal unter Menschen. Ich schreibe gerne und hab meine kreativen Phasen. Und wenn es mir zu viel wird, kann ich es wieder ruhig angehen lassen. Und einfach genießen, dass der Druck raus ist. Sogar die Hausarbeit kann so etwas Meditatives sein.

Darum bin ich dankbar für die Depression. Sie ist und war eine harte Schule und ich hab ein paar Klassen wiederholen müssen, d.h. mehrere schwere Phasen durchleben müssen, bis ich erkannt habe, dass meine Aufgabe in diesem Leben nicht „Selbstaufgabe“ heißt. Dass ich Grenzen habe, die ich respektieren muss. Und dass mein Wert, auch für meine Mitmenschen, nicht davon abhängt, wie leistungsfähig ich bin!

Es gab noch ein paar andere Lernthemen in diesem Zusammenhang. Z.B. über Geld und Existenzängste. Oder das Streben nach Unabhängigkeit (eine Illusion, wie ich heute weiß). Über Vertrauen und Hoffnung. Das sind vielleicht Themen für einen anderen Blog, sonst wird das heute zu viel.

Ich danke meinem Schöpfer für SEINE Geduld mit mir, für die Chancen die ich bekommen habe und immer wieder bekomme, für die Zeit die mir geschenkt wurde, für die Erkenntnisse, die ich gewonnen habe. Für die vielen Jahre befriedigender Arbeit und für die jetzigen im Ruhestand.

Und ich erzähle Euch das, damit diejenigen die gerade mit dieser Krankheit kämpfen vielleicht eine Ahnung davon bekommen, dass sich da eine oder mehrere Lernaufgaben verbergen und dass das Leiden nicht ohne Sinn ist. Und für die Angehörigen und Freunde zu einem vielleicht besseren Verständnis dafür, was sich hinter dieser von außen nicht sichtbaren Krankheit so verbergen kann!

Ein Bild zum Thema Dankbarkeit

Wie meine Krankheitsgeschichte verlaufen ist, kann man hier nachlesen: Depression – meine Geschichte

Monat Ramadan 2019: Muslima allein zu Haus

Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen

Ich verfolge gerne die Blog- und Videobeiträge von muslimischen Schwestern zu ihren Erfahrungen im Monat Ramadan. In früheren Jahren hab ich auch schon davon erzählt, einiges davon findet sich noch im Archiv von „Mariams Welt“. In den letzten Jahren konnte ich nicht fasten im heiligen Monat. Jetzt ist natürlich der „Fastenmonat“ nicht nur wegen des Fastens bedeutungsvoll, sondern ist eine Einladung unseres Schöpfers, damit wir uns IHM mehr nähern. Fasten ist dazu ein Hilfsmittel, man ist nicht so abgelenkt mit dem ständigen Gedanken an und der Vorbereitung von Essen, man schult seine Willenskraft, das Mitgefühl mit Menschen denen es nicht so gut geht wie uns steigt – und viele weitere Aspekte machen diese Zeit zu einer Herausforderung und Chance. Aber man kann natürlich auch eine spirituelle Atmosphäre für sich schaffen, obwohl man nicht fastet. Das habe ich immer versucht, bin aber trotzdem glücklich, dass mein Gesundheitszustand jetzt so ist, dass ich keine Medikamente mehr nehmen muss, die mich daran hindern, im diesem Monat zu fasten.

Der Einstieg ist mir ganz gut gelungen. Ich wohne ja seit letztem Jahr in der Türkei, habe aber letztes Jahr nur einen Teil des Monats hier verbracht, weil ich vorher in Deutschland war. Danach waren dann mein Mann und sein Sohn mit mir hier. Da hatte ich also zwei fastende Männer im Haus und konnte aber damals selber noch nicht mitmachen. Dazu hatten wir viel zu tun an der Wohnung und Organisatorisches. So eine richtig ruhige Atmosphäre war das nicht. Mein Mann ist ja von Kindheit an gewohnt zu fasten und zieht das auch in diesem Jahr während der Arbeitszeit im Drei-Schicht-Betrieb durch, das kann ich mir für mich gar nicht vorstellen.

In diesem Jahr bin ich also ganz alleine hier zu Hause in der Türkei, weil mein Mann ja weitgehend in Deutschland lebt und arbeitet und jetzt keinen Urlaub hat. Die ersten drei Fastentage (ich habe am Montag mit den türkischen Geschwistern angefangen, obwohl nach meiner Rechtsschule der 1. Ramadan erst am Dienstag war) habe ich gut verbracht, alhamdulillhah, elhamdülillah, Gott sei Dank!

Bild von Afshad Subair auf Pixabay

So langsam scheine ich eine Routine für diese Zeit zu entwickeln. Ich stehe ein wenig später auf als gewohnt und verbringe den Vormittag nahezu „normal“, ein bisschen Arbeit für meinen Minijob, ein bisschen Haushalt – wie üblich, nur ohne Kaffee. Den habe ich schon ein paar Tage vor dem Beginn des Monats Ramadan sehr reduziert, denn ich glaube, dass der Kaffee, oder vielmehr der Koffeinentzug verantwortlich ist, wenn ich beim Fasten sehr unter Kopfschmerzen leide.

Wenn ich was zu erledigen habe, sollte ich das noch vor dem Mittagsgebet tun, oder bald danach. Auch mein täglicher Spaziergang sollte vor 15 Uhr nachmittags stattfinden. Er fällt kürzer aus als normal, ich hab vielleicht die Hälfte meiner üblichen Schritte auf dem Zähler. Meist telefoniere ich um die Zeit auch mit meinem Mann, wenn der gerade Spätschicht hat.

Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf, den ich richtig nötig habe, denn am Nachmittag schwächele ich ganz schön, lese ich dann meinen täglichen Abschnitt im Koran (in Übersetzung), kümmere mich um meine Mahlzeit zum Iftar und mach noch ein bisschen was im Haushalt.

Ein bisschen noch herumgammeln, vielleicht auf dem Balkon sitzen, Zeit für ein bisschen lesen, telefonieren o.ä. und dann naht auch schon bald die abendliche Gebetszeit und das Abendessen. Mein Iftar fällt nicht aufwendig aus, so alleine. Und danach hab ich noch Zeit zum lesen. Durch den Mittagsschlaf bleibe ich länger wach am Abend, einmal war ich sogar bis zum Morgengebet auf.

Ein sehr ruhiger Rhythmus, aber so komme ich wohl ganz gut zurecht. InschaAllah (so Gott will) schaffe ich es, den Monat Ramadan durchzufasten. Aber noch wichtiger ist mir, dass ich meine Verbindung zu Gott festige. Mehr Bittgebete, mehr islamische Literatur lesen oder auch Vorträge anschauen, mehr nachdenken …das kann ich übrigens am besten, wenn ich am Meer ganz in Ruhe spazieren gehe.

Ich bin ja Anhängerin der dschafaritischen Rechtsschule, also Schiitin – darum gehe ich nicht in die Moschee zu den Tarawih-Gebeten wie die sunnitischen Geschwister hier. Aber vielleicht gehe ich dann im Laufe des Monats doch mal in die Moschee, in den heiligen Nächten vielleicht. Ein bisschen Gemeinschaftsgefühl wird sicherlich auch gut tun. Aber ansonsten bin ich in meiner Ruhe und meinem weitgehenden Rückzug sehr zufrieden. Ich glaube, diese Art den Monat Ramadan zu begehen, ermöglicht mir überhaupt erst zu fasten. Ich muss ja immer sehr gut auf mich aufpassen, damit meine chronische Depression sich fein im Hintergrund hält. Achte ich gut darauf, das richtige Maß an Aktivität und Ruhe einzuhalten, wie es für mich passt, dann komme ich zur Zeit ohne Medikamente sehr gut zurecht.

Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen ein bisschen darüber erzählen, was mich so beschäftigt und wie es mir hier weiter so geht. Momentan bin ich sehr zufrieden und fühle mich reich beschenkt von diesem friedlichen Leben. Meine Bittgebete sind bei denen, die es in diesem heiligen Monat nicht so gut haben.

Bild von Zaid ali auf Pixabay

Depression: meine Geschichte

Zu Teil 1 der Artikelreihe geht es hier

Wie versprochen im zweiten Teil dieser Reihe meine eigene (Krankheits)geschichte. In dieser finden sich viele typische Erscheinungen dieser Krankheit, aber natürlich ist es eben auch ganz persönliches Erleben. Andere Menschen erleben Ähnliches, oder auch ganz anderes. Mir geht es darum, mit meinen Eindrücken Verständnis für von Depressionen Betroffene und vielleicht auch für sich selber zu entwickeln.

Ich als vermutlich Zweijährige mit Osterkörbchen

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass sich meine psychischen Störungen schon in meiner frühen Kindheit angefangen haben zu entwickeln. Vermutlich ist wenigstens einer meiner Elternteile ebenfalls an einer depressiven Störung erkrankt, wenn auch bis ins jetzige hohe Alter nicht diagnostiziert, aber ich erkenne doch viele typische Verhaltensweisen. Insgesamt hatte ich eine Kindheit mit liebenden und bemühten Eltern, die aber beide selbst als Kinder durch den Verlust von Elternteilen und im Krieg schwer traumatisiert wurden. Da will ich nicht ins Detail gehen, das sind sehr private Erlebnisse, von denen mir nicht zusteht, sie hier zu verbreiten. Meine Eltern haben jung ihre kleine Familie gegründet und sich bemüht, die schweren Jahre hinter sich zu lassen. Es ist ihnen gelungen, mit Anfang 20 gemeinsam ihr Leben aufzubauen und bis heute sind sie über 60 Jahre miteinander verbunden.

Ich war ein Kind in den 1960er und Jugendliche in den 1970er Jahren und wie bekannt ist, hat es damals ziemliche gesellschaftliche Umbrüche gegeben. Für meine Eltern war es schwer, sich als junge Familie, beide „zugewandert“ in meiner Heimatstadt – die eine „Vertriebene“, der andere aus einer ganz anderen Region stammend, zu behaupten. Damals war alles ziemlich spießig und engstirnig und es spielte eine große Rolle, was „die Leute“ dachten. Mein Vater arbeitete viel, meine Mutter kümmerte sich um je einen Elternteil meiner beiden Eltern, wovon ein Großvater bei uns im Haus lebte, dement und sehr anstrengend war.

Ich ging dabei ungewollt ziemlich unter. Natürlich haben meine Eltern ihre Fehler gemacht, wie alle Eltern, ich später auch. Trotzdem hatte ich kein schweren Traumata zu verarbeiten, wie sie selbst. Später habe ich in der Psychoanalyse festgestellt, dass sich Traumata tatsächlich „vererben“. Ich habe Alpträume gehabt, die auf Kindheitserlebnisse meiner Eltern zurückgingen, über die aber niemals gesprochen worden war. Meine Eltern hatten nämlich beschlossen, sich ihre Erlebnisse einmal zu erzählen und dann zu „vergessen“ und neu anzufangen. Man weiß natürlich heute, dass das nicht funktioniert, aber in den 60er Jahren war man beschäftigt mit Aufbauen und Vorankommen und niemand hat was von Traumatherapien gewusst.

Einiges war natürlich üblich an „Schwarzer Pädagogik“ damals, Überbleibsel der Nazi-Pädagogik. So hat mir meine Mutter erzählt, wie schwer es ihr fiel, mich als Baby hungrig schreien zu lassen, weil man ja damals der Meinung war, man dürfe Säuglinge nicht „verwöhnen“, sondern müsse sie an feste Essenszeiten gewöhnen.

Ich war ein zurückgezogenes und einsames Kind, hatte nur wenige Freundinnen und viele soziale Ängste, dazu einige Zwänge entwickelt, die aber kaum jemandem auffielen und wenn, dann versuchten meine Eltern mir die „schlechten Angewohnheiten“ abzugewöhnen. Mit meinem heutigen Wissensstand kann ich durchaus schon Symptome einer kindlichen Depression erkennen, aber wer hat damals schon an so etwas gedacht?

Durch die Schule bin ich so leidlich durchgerutscht, entwickelte mich zu einer „Leseratte“ und kam immer ganz gut mit mir alleine zurecht. Erst in der Pubertät veränderte ich mich von sehr angepasstem Verhalten hin zur Rebellion, sicherlich in einem noch normalen Ausmaß.

Traurig ist für mich aus heutiger Sicht, dass ich zu meinen Eltern immer wenig Vertrauen hatte und auch bis vor wenigen Jahren ein grundlegendes Missverständnis bestand: Während ich der Meinung war, ein ungewolltes Kind zu sein und mich an allen Problemen meiner Eltern schuldig fühlte, waren sie in Wirklichkeit sehr glücklich über mich und ihre eigenen Schwierigkeiten hatten nichts mit meinem Dasein auf dieser Welt zu tun. Aber Kinder erleben das nun einmal anders, sie sind von ihren Eltern abhängig und feinfühlig für deren Stimmungen und sie neigen dazu, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Ein wichtiges Element meiner Prägung war auch die religiöse Erziehung. Ich war als Kind katholisch und bekam leider einen Katholizismus vermittelt, wie er vor dem 2. Vatikanischen Konzil gelehrt wurde. Danach hat sich viel verändert in der Kirche, aber mir hat man ein dauerndes Schuldgefühl vermittelt und dass ich als Mädchen weniger wert bin als ein Junge, sowieso, dass Mädchen sündhafter sind, weil Eva ja Adam verführt habe und insgesamt das Bild eines strafenden, nicht liebevollen Schöpfers.

Leider wurde ich zwar in die Kirche geschickt, aber zu Hause fanden keine Gespräche über das Thema statt und ich suchte auch nicht Hilfe bei meinen Eltern. Mein Vater, als der Katholik in der „Mischehe“ mit meiner evangelischen Mutter, hatte sich längst von der Kirche abgewandt. Er hat damals dem Pfarrer gesagt, dass der schon mein Herz für die Kirche gewinnen müsse – na, der alte Pfarrer war sicherlich kein böser Mensch, aber mit seinem Welt- und Gottesbild ist ihm das nicht gelungen. Das Ergebnis war, dass ich mich von all diesen eingeimpften Schuldgefühlen richtiggehend losgekämpft habe als Jugendliche und danach von Gott und Glauben viele Jahre nichts wissen wollte – obwohl mich gläubige Menschen und Religionen schon irgendwie fasziniert haben. Aber das war kein großes Lebensthema.

Wegen meiner ganzen Prägung in der Kindheit, war ich irgendwie nie davon überzeugt, eine Berechtigung zu haben, auf dieser Welt zu sein. Es sei denn, ich sei für andere Menschen da. So kam es wie es kommen musste: ich entschied mich nach der Realschule, die ich schon mit 15 abgeschlossen habe, für einen Helferberuf. Damit will ich nichts gegen meinen Krankenschwesternberuf sagen: ich finde das ist ein sehr vielseitiges Berufsfeld, so viele unterschiedliche Bereiche in denen man arbeiten und sich weiterbilden kann. Nur meine Motivation war natürlich nicht ganz gesund und hat dazu geführt, dass ich mich viel zu oft in meiner Berufslaufbahn verausgabt habe, viel zu viel gearbeitet, eingesprungen, noch viele Weiterbildungen gemacht, immer Vollzeit gearbeitet und dabei noch meinen Sohn großgezogen…eine Geschichte von Überforderungen. 33 Jahre war ich in der Pflege tätig, bis ich mit 50 dann berentet wurde. Aber ich greife vor…

In der Schule war ich schüchtern, ein Mauerblümchen. In der Berufsschule dann, hab ich mich regelrecht aus dieser Rolle heraus gekämpft. Ich wusste, so würde ich nicht klarkommen, aber ich habe über lange Zeit das Selbstbewusstsein erst einmal nur gespielt. Interessant ist, dass es dann doch auch echt wurde und gewachsen ist. Das lässt sich durchaus üben. Ich hatte außerdem eine ziemliche Sensibilität für die Stimmungen anderer Menschen und ein Gespür für Situationen, insbesondere Gefahren….das war in meinem gewählten Berufsfeld, der Psychiatrie oft nützlich. Und nachdem ich meine Angst vor Menschen überwunden hatte, hat mir der Beruf auch meistens sehr viel Freude gemacht. Aber es war trotzdem oft sehr anstrengend, Abgrenzung nicht meine Stärke und mit Ungerechtigkeiten bin ich nie klargekommen, sei es mit Vorgesetzten, oder im Team – ich war oft eher eine Querdenkerin und bin gegen den Strom geschwommen. Auf meine eigene, eher stille Art, ich bin keine laute Rebellin.

Die erste richtig manifeste depressive Phase hatte ich wohl nach der Geburt meines Sohnes, da war ich 22 Jahre alt. Ich habe zwar das erste Jahr sehr genossen, war aber ständig extrem müde und erschöpft. Dann trennte ich mich von meinem ersten Mann ( auch das eine eher von der Depression geprägte Entscheidung) und war dann wieder voll berufstätig, als mein Sohn ein Jahr alt war. Ich wollte nicht finanziell abhängig sein, aber das war natürlich alles eine ziemliche Überforderung. Mit Hilfe seines Vaters, der seinen Teil an Betreuung übernommen hat und meiner Eltern war das machbar und sogar noch diverse Fort- und Weiterbildungen. Aber meine depressive Stimmung hab ich in der Zeit wohl eher mit Hyperaktivität selber zu bekämpfen versucht. Außerdem war ich nicht gerade in der Lage, überlegte Entscheidungen zu treffen, was Partnerwahl angeht und hatte ein paar problematische oder perspektivlose Beziehungen. Klar, ich fühlte mich ja eigentlich nicht wirklich wertvoll.

Mit Mitte 30 hatte ich dann eine lange Krankheitsphase, bedingt durch eine berufliche Überforderung – damals hatte ich mir eine Aufgabe aufgeladen, die niemand bewältigen konnte – als Stationsleitung in eine total verfahrene Teamsituation hineinzugehen. Eine zweite Ehe mit einem sehr lieben, aber auch dann zunehmend körperlich und seelisch kranken Mann. Und dadurch das Gefühl, auch privat für alles Kind, Mann, Haus verantwortlich zu sein. Ich krachte regelrecht zusammen und habe monatelang fast nur im Sessel gesessen und an Selbstmord gedacht. Konnte mich kaum aus dem Bett erheben und die Gedanken kreisten und kreisten. Nichts ging mehr. Ich war dann 10 Wochen in der Reha und da hab ich mich ganz gut wieder erholt. Aber niemand hat mir ins Gesicht gesagt, dass ich depressiv war, und zwar schwer. In meinem Gefühl lief das unter „Burn out“. Überarbeitet eben…Ich nahm mir vor, kürzer zu treten. Klappte nicht sofort, dann kam eine Operation dazu mit einer langwierigen und komplikationsreichen Heilungsphase und dann endlich hab ich in einen ruhigeren Bereich gewechselt.

Übrigens hab ich auch immer mal wieder Psychotherapien gemacht. Ab Anfang 20, immer mal wieder für eine Weile mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Jede brachte mich ein Stückchen weiter in meiner persönlichen Entwicklung, aber den ganz großen Durchbruch, „Heilung“ gab es nicht.

Ca. 5 Jahre nach meiner, so empfand ich es irgendwie doch, „Niederlage“ als Stationsleitung, ergriff ich die Gelegenheit noch einmal so eine Herausforderung anzunehmen und verließ nach über 20 Jahren den öffentlichen Dienst um in einer privat geführten Klinik eine neue Station in der Drogenentgiftung mit aufzubauen. Das war für drei Jahre eine tolle Zeit, neues Team, tolles Konzept an dem ich mitgewirkt hatte, motivierte Kolleginnen und Kollegen. Dann wechselte der Betreiber und die neue Firma war, so wie es heute im Gesundheitswesen üblich ist, nur auf Profit aus. Mich selber haben die Verschlechterungen finanziell nicht betroffen, aber die Kollegen wurden herunter gruppiert, es gab einen Tarifstreit und -streik und ich, wie gesagt bei Ungerechtigkeit immer auf der Matte, legte mich mit der Klinikleitung an und wurde aus meinem Posten gemobbt. Das in einer emotional sowieso angeschlagenen Situation, denn ich hatte mich gerade auch von meinem Mann getrennt, der immer noch lieb, aber inzwischen so psychisch krank war, gleichzeitig aber nicht gewillt sich helfen zu lassen, dass das Zusammenleben unerträglich wurde. Zum Glück war mein Sohn inzwischen erwachsen und auf eigenen Füßen. Ich hatte immer Vertrauen, dass er trotz einiger Umwege schon seinen Weg finden würde und bin froh, dass ihm das auch gelungen ist. Er hat eine ihn immer liebende Mutter gehabt, aber unter meinen Problemen und Unzulänglichkeiten ganz sicher auch gelitten, ich konnte nicht immer so für ihn da sein, wie ich wollte.

Der „Jackpot“ war dann, dass ich mich auf eine neue Beziehung einließ, die immerhin auch über 10 Jahre hielt, aber überwiegend darauf angelegt war, mich emotional und finanziell auszunutzen. Ich mit meiner Persönlichkeitsstruktur war diejenige die sich an allem schuldig und für alles verantwortlich fühlte. Nicht sehr klug, aber für Depressive durchaus typisch. Auch dass ich das so lange ausgehalten habe ist bezeichnend.

Es gab dann in den Jahren zwischen 2005 und 2009 einige Klinikaufenthalte, akut und Reha und endlich sagte man mir auch mal meine Diagnose ins Gesicht! Ich begann 2007 eine Behandlung mit Antidepressiva, die mal mehr, mal weniger erfolgreich war. Ich hab fast die ganze Palette ausprobiert, bis ich ein Medikament, bzw. eine Kombination von Medikamenten hatte, die auf Dauer geholfen hat, ohne groß spürbare Nebenwirkungen. Bei meinen Klinikaufenthalten und auch in der ambulanten Therapie hatte ich in diesen Jahren ein paar echte Glücksgriffe und ich habe mit vielen Dingen aus meinem Leben meinen Frieden gemacht, auch mit mir und meinen Fehlern. Naja, weitgehend, wie das so ist….natürlich hadere ich hin und wieder auch mit meinen falschen Entscheidungen der Vergangenheit.

Das Beste in diesen Jahren war, dass ich meinen Glauben an Gott wiedergefunden habe. Wie, das ist eine andere Geschichte. Aber jetzt habe ich die Überzeugung, dass mein Schöpfer ein liebender, ein barmherziger Gott ist, der mir alle Herausforderungen meines Lebens schickt um mich in meiner Entwicklung zu fördern. Im Islam habe ich eine Lebensform gefunden, die mir zeigt was wesentlich im Leben ist. Das hat dazu beigetragen, dass ich heute weitgehend einen inneren Frieden und Gelassenheit und Zuversicht in mir trage.

Mit 50 Jahren hat man mich, obwohl ich schon in einen viel weniger belastenden Bereich gewechselt war, nach vielen Krankheitsphasen mehr oder weniger in die Rente komplimentiert. Ich hab den Antrag selber gestellt, aber kenne niemanden, der so schnell damit durchkam. Ich glaube, ich habe „Psychiatriebonus“ erhalten. Man hat gesehen, dass ich genug damit zu tun habe, für meine eigene Gesundheit zu sorgen und dass ich nicht noch anderen helfen kann. Nicht mehr. Ich habe meinen Beruf geliebt und ich glaube ich war auch ganz gut darin, aber die Luft ist schlichtweg raus.

Heute geht es mir ganz gut, solange ich meinen Lebensrhythmus habe, der ein sehr ruhiger ist, mit viel Rückzug und Zeit für mich. Vor drei Jahren habe ich noch einmal eine stationäre Psychotherapie gemacht, in der ich mit vielen belastenden Dingen abschließen konnte. Ich lebe ja inzwischen seit einem guten Jahr in der Türkei am Meer, das für mich immer eine Quelle des Friedens war, ich genieße die Natur, die Ruhe und die insgesamt gelassene Atmosphäre. Seit einem halben Jahr bin ich nach über 11 Jahren mit Medikation ohne ein Medikament und komme meistens ganz gut zurecht. Kleine Hänger gibt es, aber die hab ich dann einfach mal ausgesessen.

Zurückgeblieben ist eine sehr eingeschränkte Belastbarkeit, wenig Stressresistenz und eine mäßige Antriebsstörung. Sprich, ich muss mir für alles einmal mehr innerlich in den Allerwertesten treten, um in Gang zu kommen. Das ist für andere nicht sichtbar, die denken, dass ich doch ein recht aktives Leben führe, aber das geht eben nur, weil ich eben keinem Arbeitsdruck mehr ausgesetzt bin. Ich habe einen ganz kleinen Minijob im Home-Office, aber selbst den habe ich auf 20 Stunden im Monat beschränkt, sonst wird es mir zu viel.

Mit meinem jetzigen Mann lebe ich in einer Fernbeziehung. Einfach, weil er noch arbeitet, aber auch wenn die Abschiede immer traurig sind, bekommt es mir ganz gut, denn selbst die dauerhafte Anwesenheit eines anderen, auch geliebten Menschen ist nicht einfach für mich und ich muss dann auch immer wieder mal Auszeiten für mich haben. Zudem sind wir Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichem Biorhythmus und natürlich, mit weit über 50 Jahren, auch vielen eingefahrenen Gewohnheiten. Es ist nicht immer einfach, diese zwei Menschen unter einen Hut zu bekommen, aber ich empfinde es als großes Glück und Geschenk Gottes, dass so viel Liebe noch mal in mein Leben eingekehrt ist. Wir genießen unsere gemeinsamen Zeiten und hoffen darauf, dass wir später mehr davon zusammen verbringen, wenn keiner von uns mehr im Berufsstress steht.

Wenn ich zusammenfassen soll, was die wesentlichsten Symptome meiner Depression waren, in den schlimmen Zeiten, dann waren das einige Klassiker: Schwere Antriebsstörungen, Schlafstörungen, ständiges Grübeln und Gedankenkreisen, ein schreckliches Gefühl der Ausweg- und Hoffnungslosigkeit, unerträgliche „seelische Schmerzen“ (ich kann es nicht anders nennen, aber auch kaum beschreiben, aber ja, die Seele kann schmerzen!) quälende dauernde Suizidgedanken (keine Versuche, Gott sei Dank!), Schuld- und Schamgefühle, Überforderung, ständiges Weinen, sehr schlimme Konzentrationsprobleme – Lesen ging gar nicht mehr. Essstörungen (im Sinne von zu viel essen, dazu neige ich immer noch).

Was ich übrigens trotz allem niemals verloren habe, ist mein Humor, Gott sei Dank! Einschließlich der Fähigkeit über mich selber zu lachen. Na gut, vielleicht nicht in den allerdüstersten Phasen, aber sobald ich mal wieder ein bisschen Licht am Horizont sah, war auch der wieder da. Und das ist eine echte Ressource!

Resssourcen sind sowieso auch ein Thema, über das sich mal zu schreiben lohnt. Es gibt also sicherlich noch Stoff für einige Artikel zum Thema!

Depression

Dieser Beitrag soll der erste einer in lockerer Folge erscheinenden Reihe sein, in der ich über die Krankheit „Depression“ berichten will. Der Artikel ist als Einleitung zum Thema gedacht. Der nächste, der sehr zügig folgen soll, wird über meine eigenen Erfahrungen mit der Krankheit berichten (und vermutlich wird es davon noch mehr geben). Und in der Folge werde ich dann versuchen, einiges an hoffentlich nützlichen Informationen zusammenzutragen. Das wird dann in unregelmäßigen Abständen erfolgen, so wie ich Lust und Zeit habe.

Ein Grund, warum ich dieses Thema wähle ist natürlich, dass ich selber betroffen bin. Seit Jahrzehnten leide ich unter einer längst chronifizierten Depression, die sich mit Gottes Hilfe aber derzeit relativ im Hintergrund hält. Das heißt, die Krankheit verlässt mich wohl nie mehr ganz, ist aber jetzt nicht so ausgeprägt, dass ich mich tatsächlich krank fühle, solange ich gut auf mich aufpasse. Es gibt aber eine Reihe von Einschränkungen, die zurückgeblieben sind durch die vielen Jahre in denen ich mir dieses Problems nicht bewusst war und nicht die entsprechende Behandlung erfahren habe, sondern mehr oder weniger ungeschickt versucht habe, mir selber zu helfen. Ein anderer Grund ist, dass mich das Thema psychischer Erkrankungen immer interessiert hat, schließlich war ich jahrzehntelang als psychiatrische Fachkrankenschwester tätig. Auch wenn ich jetzt im Ruhestand bin, möchte ich natürlich die erworbenen Erfahrungen und mein Wissen nutzen und auch auffrischen.

In den letzten Jahren wird offener über diese sehr verbreitete (ca. jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe des Lebens betroffen) Erkrankung gesprochen, trotzdem ist der Umgang mit Betroffenen oft noch von Unwissenheit und Vorurteilen geprägt und diese selber schämen sich und versuchen, sich die Erkrankung nicht anmerken zu lassen. Dabei ist Depression eben auch „nur“ eine Krankheit wie andere auch. Natürlich mit ihren sehr eigenen und unterschiedlichen, individuellen Erscheinungsformen, aber eben kein Grund sich schuldig zu fühlen, oder sich zu schämen.

Sonderbarerweise werden Herzkranken, Diabetikern oder an Krebs Erkrankten (usw.) nicht solche plumpen Ratschläge gegeben, wie den Depressiven. „Reiß Dich doch mal zusammen, anderen geht es viel schlechter als Dir“, oder „Dir geht es doch gut, genieße doch einfach mal das schöne Wetter“ – nur kleine Beispiele.

Das ist in meinen Augen Unsinn. In meinem, so Gott will für immer von tiefem Glauben an einen liebenden Schöpfer geprägten Weltbild, ist diese Erkrankung natürlich auch eine Botschaft Gottes, so wie alles was uns im Leben begegnet. Und wenn sich auch die Zeiten einer schweren Depression in für nicht Betroffene kaum vorstellbarer Weise schrecklich anfühlen, so sehe ich aus heutiger Sicht auch, dass es sich erstens um eine der Prüfungen handelt, die Gott uns Menschen in diesem Leben aufgibt, damit wir uns daran entwickeln können. Entwickeln im Sinne von größerer Nähe eben zu Gott. Und zweitens gibt mir die Krankheit dann eben auch Hinweise, wenn ich in meinem Leben nicht genug auf mich achte, im Sinne von Achtsamkeit und mir entsprechender gesunder Lebensführung.

Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass unter Muslimen manchmal durchaus auch ein Mangel an Glaubensstärke unterstellt wird und Undankbarkeit gegenüber Gott. Was in meinen Augen ein Zeichen für großes Unverständnis ist.


Medizinisch betrachtet, ganz vereinfacht gesagt, sind Depressionen eine Störung im Botenstoffwechsel des Gehirns, mit sehr unterschiedlichen Symptomen und durch individuell unterschiedliche Gründe bedingt – meistens durch eine Mischung von inneren und äußeren Faktoren. D.h. es gibt eine bestimmte Veranlagung, an Depressionen zu erkranken, aber ob diese Erkrankung dann ausbricht und in welchem Schweregrad, das liegt an den Lebensumständen des einzelnen Menschen, ebenso die Symptome die jemand entwickelt. Und entsprechend sind auch die Behandlungsmöglichkeiten vielfältig: natürlich spielt die Psychotherapie eine wesentliche Rolle, die individuelle „gesunde“ Lebensführung inklusive Ruhephasen, Sport, Ernährung usw. und schließlich gibt es auch medikamentöse und andere medizinische Behandlungsmöglichkeiten, die bei entsprechenden Schweregraden eingesetzt werden können.

Nach meiner Überzeugung gibt es keine Trennung zwischen „Körper“ und „Seele“, so dass man nicht sagen kann, ob Depressionen eine körperliche, oder eine seelische Erkrankung sind. Es gibt klar körperliche Faktoren und die sind wirklich schwerwiegend, aber natürlich ist die Seele, oder Psyche betroffen…aber was war zuerst da und macht es Sinn, diese Frage zu stellen? Ich halte den Begriff „psychosomatisch“ für ein Hilfsmittel, weil für uns die Einheit unseres Wesens schwer zu begreifen ist. Dass Depressionen ein klarer Risikofaktor nicht nur für Suizid sind, sondern auch für eine Reihe von körperlichen Erkrankungen wie Herzinfarkt, ist inzwischen nachgewiesen!

Wie immer freue ich mich natürlich über Feedback und den Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern!

Hier unten noch ein paar Links zu „Selbsttests“ mit denen die eigene Betroffenheit geprüft werden kann. Diese Tests können natürlich nur ein erster Hinweis sein, bei entsprechenden Ergebnissen sollte man unbedingt professionelle Hilfe suchen!


Deutsche Depressionshilfe-Selbsttest

Netdoktor – Selbsttest Depression nach Goldberg