Monat Ramadan 2019: Beflügelt

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Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, so bin Ich nahe; Ich erhöre den Ruf des Bittenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie nun auf Mich hören und an Mich glauben, auf daß sie besonnen handeln mögen. (Heiliger Koran, Sure 2, Vers 186)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Im Monat Ramadan fällt vieles leichter. Klingt vielleicht sonderbar für die, die sich diesen Monat als eine einzige Quälerei vorstellen, voll Hunger und Durst. Und beides gibt es natürlich, manchmal auch unerträglich scheinend – aber oft fällt es eben viel leichter zu fasten, als in anderen Monaten. Das kennen glaube ich, viele Muslime, die Fastentage nachholen müssen. Es ist viel leichter in dieser Zeit, in der Milliarden Menschen auf der Welt fasten. Es ist z.T. diese Vorstellung, dass immer irgendwo auf der Erde jetzt gerade gefastet und anderswo das Fasten gebrochen wird, die ich sehr inspirierend finde. Die Gebetszeiten, die Fasten- und Essenszeiten wandern mit dem Sonnenstand um die Welt, wie eine große Welle von Glaubensgeschwistern stelle ich mir das vor, die gerade im Gebet stehen, oder sich niederwerfen, die ihren letzten Schluck trinken vor dem Fasten, oder die ihr Fasten jetzt gerade brechen.

Ich bin zwar praktizierende Muslima und in der Regel halte ich meine Gebetszeiten ein – aber die freiwilligen Gebete, die zusätzlich zu den Pflichtgebeten empfohlen sind, die lasse ich meistens weg. Letzte Nacht aber, als ich beschlossen hatte dass es so spät geworden sei, dass ich auch wach bleiben konnte bis zum Morgengebet, habe ich seit langer Zeit mal wieder das empfohlene Nachmitternachtsgebet gebetet.

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„Das Gebet ist die Himmelfahrt des Gläubigen“ heißt es. Meine täglichen Ritualgebete sind davon oft weit entfernt. Kaum stelle ich mich zum Gebet, gehen mir tausend unwichtige Dinge durch den Kopf und ich muss mich sehr anstrengen bei der Sache zu bleiben und das Gebet wirklich zu nutzen: als Auszeit von genau den Nichtigkeiten und als Ausrichtung von meinen eigentlichen Daseinszweck und als Gelegenheit, mich meinem liebenden Schöpfer zuzuwenden, um Verzeihung für die Fehler zu bitten, die ich seit dem letzten Gebet begangen habe und um Beistand für alle Herausforderungen die mir begegnen könnten, bis zum nächsten Gebet.

Es ist schon erstaunlich, wie sich das im Monat Ramadan verbessert. Bei mir sehe ich ziemlich deutlich, dass es auch daran liegt, dass ich mich zurückziehe, nicht so viel zu erledigen habe, sondern nur das Nötigste einkaufen gehe und möglichst viele anstrengende Termine auf die Zeit nach dem Monat Ramadan verschiebe. Gott sei Dank habe ich ja die Möglichkeit dazu, weil ich nicht mehr berufstätig bin – bis auf das bisschen das ich im Home-Office für den Minijob erledige. Aber da bin ich ja relativ flexibel mit meiner Zeit.

Also im Monat Ramadan bin ich etwas beflügelt und jedenfalls einige meiner Gebete kommen der Himmelfahrt näher. Und das Nachmitternachtsgebet ist dabei schon eine besondere Erfahrung. Es ist sehr ruhig – ich wohne sowieso recht ruhig, aber um diese Zeit hört man auch nix von der Straße, im Hotel nebenan ist keine Musik mehr und die Vögel haben ihr Morgengebet noch nicht begonnen, :-). Das ist die Gelegenheit, sich ganz auf die Annäherung an Gott zu konzentrieren und IHM alles zu sagen und IHN um alles zu bitten, was gesagt werden will und um das gebeten werden will.

Ich hoffe, ich nutze diese Gelegenheit noch öfters in diesem Monat und nehme die Erfahrung dann mit in das restliche Jahr. Was bei mir nicht funktioniert ist, dass ich mir so etwas fest vornehme. Dann boykottiere ich mich selbst. Lieber bewahre ich das gute Gefühl in mir und pflege es, damit die Sehnsucht danach wächst, diese Erfahrung möglichst oft zu wiederholen.

Depression: meine Geschichte

Zu Teil 1 der Artikelreihe geht es hier

Wie versprochen im zweiten Teil dieser Reihe meine eigene (Krankheits)geschichte. In dieser finden sich viele typische Erscheinungen dieser Krankheit, aber natürlich ist es eben auch ganz persönliches Erleben. Andere Menschen erleben Ähnliches, oder auch ganz anderes. Mir geht es darum, mit meinen Eindrücken Verständnis für von Depressionen Betroffene und vielleicht auch für sich selber zu entwickeln.

Ich als vermutlich Zweijährige mit Osterkörbchen

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass sich meine psychischen Störungen schon in meiner frühen Kindheit angefangen haben zu entwickeln. Vermutlich ist wenigstens einer meiner Elternteile ebenfalls an einer depressiven Störung erkrankt, wenn auch bis ins jetzige hohe Alter nicht diagnostiziert, aber ich erkenne doch viele typische Verhaltensweisen. Insgesamt hatte ich eine Kindheit mit liebenden und bemühten Eltern, die aber beide selbst als Kinder durch den Verlust von Elternteilen und im Krieg schwer traumatisiert wurden. Da will ich nicht ins Detail gehen, das sind sehr private Erlebnisse, von denen mir nicht zusteht, sie hier zu verbreiten. Meine Eltern haben jung ihre kleine Familie gegründet und sich bemüht, die schweren Jahre hinter sich zu lassen. Es ist ihnen gelungen, mit Anfang 20 gemeinsam ihr Leben aufzubauen und bis heute sind sie über 60 Jahre miteinander verbunden.

Ich war ein Kind in den 1960er und Jugendliche in den 1970er Jahren und wie bekannt ist, hat es damals ziemliche gesellschaftliche Umbrüche gegeben. Für meine Eltern war es schwer, sich als junge Familie, beide „zugewandert“ in meiner Heimatstadt – die eine „Vertriebene“, der andere aus einer ganz anderen Region stammend, zu behaupten. Damals war alles ziemlich spießig und engstirnig und es spielte eine große Rolle, was „die Leute“ dachten. Mein Vater arbeitete viel, meine Mutter kümmerte sich um je einen Elternteil meiner beiden Eltern, wovon ein Großvater bei uns im Haus lebte, dement und sehr anstrengend war.

Ich ging dabei ungewollt ziemlich unter. Natürlich haben meine Eltern ihre Fehler gemacht, wie alle Eltern, ich später auch. Trotzdem hatte ich kein schweren Traumata zu verarbeiten, wie sie selbst. Später habe ich in der Psychoanalyse festgestellt, dass sich Traumata tatsächlich „vererben“. Ich habe Alpträume gehabt, die auf Kindheitserlebnisse meiner Eltern zurückgingen, über die aber niemals gesprochen worden war. Meine Eltern hatten nämlich beschlossen, sich ihre Erlebnisse einmal zu erzählen und dann zu „vergessen“ und neu anzufangen. Man weiß natürlich heute, dass das nicht funktioniert, aber in den 60er Jahren war man beschäftigt mit Aufbauen und Vorankommen und niemand hat was von Traumatherapien gewusst.

Einiges war natürlich üblich an „Schwarzer Pädagogik“ damals, Überbleibsel der Nazi-Pädagogik. So hat mir meine Mutter erzählt, wie schwer es ihr fiel, mich als Baby hungrig schreien zu lassen, weil man ja damals der Meinung war, man dürfe Säuglinge nicht „verwöhnen“, sondern müsse sie an feste Essenszeiten gewöhnen.

Ich war ein zurückgezogenes und einsames Kind, hatte nur wenige Freundinnen und viele soziale Ängste, dazu einige Zwänge entwickelt, die aber kaum jemandem auffielen und wenn, dann versuchten meine Eltern mir die „schlechten Angewohnheiten“ abzugewöhnen. Mit meinem heutigen Wissensstand kann ich durchaus schon Symptome einer kindlichen Depression erkennen, aber wer hat damals schon an so etwas gedacht?

Durch die Schule bin ich so leidlich durchgerutscht, entwickelte mich zu einer „Leseratte“ und kam immer ganz gut mit mir alleine zurecht. Erst in der Pubertät veränderte ich mich von sehr angepasstem Verhalten hin zur Rebellion, sicherlich in einem noch normalen Ausmaß.

Traurig ist für mich aus heutiger Sicht, dass ich zu meinen Eltern immer wenig Vertrauen hatte und auch bis vor wenigen Jahren ein grundlegendes Missverständnis bestand: Während ich der Meinung war, ein ungewolltes Kind zu sein und mich an allen Problemen meiner Eltern schuldig fühlte, waren sie in Wirklichkeit sehr glücklich über mich und ihre eigenen Schwierigkeiten hatten nichts mit meinem Dasein auf dieser Welt zu tun. Aber Kinder erleben das nun einmal anders, sie sind von ihren Eltern abhängig und feinfühlig für deren Stimmungen und sie neigen dazu, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Ein wichtiges Element meiner Prägung war auch die religiöse Erziehung. Ich war als Kind katholisch und bekam leider einen Katholizismus vermittelt, wie er vor dem 2. Vatikanischen Konzil gelehrt wurde. Danach hat sich viel verändert in der Kirche, aber mir hat man ein dauerndes Schuldgefühl vermittelt und dass ich als Mädchen weniger wert bin als ein Junge, sowieso, dass Mädchen sündhafter sind, weil Eva ja Adam verführt habe und insgesamt das Bild eines strafenden, nicht liebevollen Schöpfers.

Leider wurde ich zwar in die Kirche geschickt, aber zu Hause fanden keine Gespräche über das Thema statt und ich suchte auch nicht Hilfe bei meinen Eltern. Mein Vater, als der Katholik in der „Mischehe“ mit meiner evangelischen Mutter, hatte sich längst von der Kirche abgewandt. Er hat damals dem Pfarrer gesagt, dass der schon mein Herz für die Kirche gewinnen müsse – na, der alte Pfarrer war sicherlich kein böser Mensch, aber mit seinem Welt- und Gottesbild ist ihm das nicht gelungen. Das Ergebnis war, dass ich mich von all diesen eingeimpften Schuldgefühlen richtiggehend losgekämpft habe als Jugendliche und danach von Gott und Glauben viele Jahre nichts wissen wollte – obwohl mich gläubige Menschen und Religionen schon irgendwie fasziniert haben. Aber das war kein großes Lebensthema.

Wegen meiner ganzen Prägung in der Kindheit, war ich irgendwie nie davon überzeugt, eine Berechtigung zu haben, auf dieser Welt zu sein. Es sei denn, ich sei für andere Menschen da. So kam es wie es kommen musste: ich entschied mich nach der Realschule, die ich schon mit 15 abgeschlossen habe, für einen Helferberuf. Damit will ich nichts gegen meinen Krankenschwesternberuf sagen: ich finde das ist ein sehr vielseitiges Berufsfeld, so viele unterschiedliche Bereiche in denen man arbeiten und sich weiterbilden kann. Nur meine Motivation war natürlich nicht ganz gesund und hat dazu geführt, dass ich mich viel zu oft in meiner Berufslaufbahn verausgabt habe, viel zu viel gearbeitet, eingesprungen, noch viele Weiterbildungen gemacht, immer Vollzeit gearbeitet und dabei noch meinen Sohn großgezogen…eine Geschichte von Überforderungen. 33 Jahre war ich in der Pflege tätig, bis ich mit 50 dann berentet wurde. Aber ich greife vor…

In der Schule war ich schüchtern, ein Mauerblümchen. In der Berufsschule dann, hab ich mich regelrecht aus dieser Rolle heraus gekämpft. Ich wusste, so würde ich nicht klarkommen, aber ich habe über lange Zeit das Selbstbewusstsein erst einmal nur gespielt. Interessant ist, dass es dann doch auch echt wurde und gewachsen ist. Das lässt sich durchaus üben. Ich hatte außerdem eine ziemliche Sensibilität für die Stimmungen anderer Menschen und ein Gespür für Situationen, insbesondere Gefahren….das war in meinem gewählten Berufsfeld, der Psychiatrie oft nützlich. Und nachdem ich meine Angst vor Menschen überwunden hatte, hat mir der Beruf auch meistens sehr viel Freude gemacht. Aber es war trotzdem oft sehr anstrengend, Abgrenzung nicht meine Stärke und mit Ungerechtigkeiten bin ich nie klargekommen, sei es mit Vorgesetzten, oder im Team – ich war oft eher eine Querdenkerin und bin gegen den Strom geschwommen. Auf meine eigene, eher stille Art, ich bin keine laute Rebellin.

Die erste richtig manifeste depressive Phase hatte ich wohl nach der Geburt meines Sohnes, da war ich 22 Jahre alt. Ich habe zwar das erste Jahr sehr genossen, war aber ständig extrem müde und erschöpft. Dann trennte ich mich von meinem ersten Mann ( auch das eine eher von der Depression geprägte Entscheidung) und war dann wieder voll berufstätig, als mein Sohn ein Jahr alt war. Ich wollte nicht finanziell abhängig sein, aber das war natürlich alles eine ziemliche Überforderung. Mit Hilfe seines Vaters, der seinen Teil an Betreuung übernommen hat und meiner Eltern war das machbar und sogar noch diverse Fort- und Weiterbildungen. Aber meine depressive Stimmung hab ich in der Zeit wohl eher mit Hyperaktivität selber zu bekämpfen versucht. Außerdem war ich nicht gerade in der Lage, überlegte Entscheidungen zu treffen, was Partnerwahl angeht und hatte ein paar problematische oder perspektivlose Beziehungen. Klar, ich fühlte mich ja eigentlich nicht wirklich wertvoll.

Mit Mitte 30 hatte ich dann eine lange Krankheitsphase, bedingt durch eine berufliche Überforderung – damals hatte ich mir eine Aufgabe aufgeladen, die niemand bewältigen konnte – als Stationsleitung in eine total verfahrene Teamsituation hineinzugehen. Eine zweite Ehe mit einem sehr lieben, aber auch dann zunehmend körperlich und seelisch kranken Mann. Und dadurch das Gefühl, auch privat für alles Kind, Mann, Haus verantwortlich zu sein. Ich krachte regelrecht zusammen und habe monatelang fast nur im Sessel gesessen und an Selbstmord gedacht. Konnte mich kaum aus dem Bett erheben und die Gedanken kreisten und kreisten. Nichts ging mehr. Ich war dann 10 Wochen in der Reha und da hab ich mich ganz gut wieder erholt. Aber niemand hat mir ins Gesicht gesagt, dass ich depressiv war, und zwar schwer. In meinem Gefühl lief das unter „Burn out“. Überarbeitet eben…Ich nahm mir vor, kürzer zu treten. Klappte nicht sofort, dann kam eine Operation dazu mit einer langwierigen und komplikationsreichen Heilungsphase und dann endlich hab ich in einen ruhigeren Bereich gewechselt.

Übrigens hab ich auch immer mal wieder Psychotherapien gemacht. Ab Anfang 20, immer mal wieder für eine Weile mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Jede brachte mich ein Stückchen weiter in meiner persönlichen Entwicklung, aber den ganz großen Durchbruch, „Heilung“ gab es nicht.

Ca. 5 Jahre nach meiner, so empfand ich es irgendwie doch, „Niederlage“ als Stationsleitung, ergriff ich die Gelegenheit noch einmal so eine Herausforderung anzunehmen und verließ nach über 20 Jahren den öffentlichen Dienst um in einer privat geführten Klinik eine neue Station in der Drogenentgiftung mit aufzubauen. Das war für drei Jahre eine tolle Zeit, neues Team, tolles Konzept an dem ich mitgewirkt hatte, motivierte Kolleginnen und Kollegen. Dann wechselte der Betreiber und die neue Firma war, so wie es heute im Gesundheitswesen üblich ist, nur auf Profit aus. Mich selber haben die Verschlechterungen finanziell nicht betroffen, aber die Kollegen wurden herunter gruppiert, es gab einen Tarifstreit und -streik und ich, wie gesagt bei Ungerechtigkeit immer auf der Matte, legte mich mit der Klinikleitung an und wurde aus meinem Posten gemobbt. Das in einer emotional sowieso angeschlagenen Situation, denn ich hatte mich gerade auch von meinem Mann getrennt, der immer noch lieb, aber inzwischen so psychisch krank war, gleichzeitig aber nicht gewillt sich helfen zu lassen, dass das Zusammenleben unerträglich wurde. Zum Glück war mein Sohn inzwischen erwachsen und auf eigenen Füßen. Ich hatte immer Vertrauen, dass er trotz einiger Umwege schon seinen Weg finden würde und bin froh, dass ihm das auch gelungen ist. Er hat eine ihn immer liebende Mutter gehabt, aber unter meinen Problemen und Unzulänglichkeiten ganz sicher auch gelitten, ich konnte nicht immer so für ihn da sein, wie ich wollte.

Der „Jackpot“ war dann, dass ich mich auf eine neue Beziehung einließ, die immerhin auch über 10 Jahre hielt, aber überwiegend darauf angelegt war, mich emotional und finanziell auszunutzen. Ich mit meiner Persönlichkeitsstruktur war diejenige die sich an allem schuldig und für alles verantwortlich fühlte. Nicht sehr klug, aber für Depressive durchaus typisch. Auch dass ich das so lange ausgehalten habe ist bezeichnend.

Es gab dann in den Jahren zwischen 2005 und 2009 einige Klinikaufenthalte, akut und Reha und endlich sagte man mir auch mal meine Diagnose ins Gesicht! Ich begann 2007 eine Behandlung mit Antidepressiva, die mal mehr, mal weniger erfolgreich war. Ich hab fast die ganze Palette ausprobiert, bis ich ein Medikament, bzw. eine Kombination von Medikamenten hatte, die auf Dauer geholfen hat, ohne groß spürbare Nebenwirkungen. Bei meinen Klinikaufenthalten und auch in der ambulanten Therapie hatte ich in diesen Jahren ein paar echte Glücksgriffe und ich habe mit vielen Dingen aus meinem Leben meinen Frieden gemacht, auch mit mir und meinen Fehlern. Naja, weitgehend, wie das so ist….natürlich hadere ich hin und wieder auch mit meinen falschen Entscheidungen der Vergangenheit.

Das Beste in diesen Jahren war, dass ich meinen Glauben an Gott wiedergefunden habe. Wie, das ist eine andere Geschichte. Aber jetzt habe ich die Überzeugung, dass mein Schöpfer ein liebender, ein barmherziger Gott ist, der mir alle Herausforderungen meines Lebens schickt um mich in meiner Entwicklung zu fördern. Im Islam habe ich eine Lebensform gefunden, die mir zeigt was wesentlich im Leben ist. Das hat dazu beigetragen, dass ich heute weitgehend einen inneren Frieden und Gelassenheit und Zuversicht in mir trage.

Mit 50 Jahren hat man mich, obwohl ich schon in einen viel weniger belastenden Bereich gewechselt war, nach vielen Krankheitsphasen mehr oder weniger in die Rente komplimentiert. Ich hab den Antrag selber gestellt, aber kenne niemanden, der so schnell damit durchkam. Ich glaube, ich habe „Psychiatriebonus“ erhalten. Man hat gesehen, dass ich genug damit zu tun habe, für meine eigene Gesundheit zu sorgen und dass ich nicht noch anderen helfen kann. Nicht mehr. Ich habe meinen Beruf geliebt und ich glaube ich war auch ganz gut darin, aber die Luft ist schlichtweg raus.

Heute geht es mir ganz gut, solange ich meinen Lebensrhythmus habe, der ein sehr ruhiger ist, mit viel Rückzug und Zeit für mich. Vor drei Jahren habe ich noch einmal eine stationäre Psychotherapie gemacht, in der ich mit vielen belastenden Dingen abschließen konnte. Ich lebe ja inzwischen seit einem guten Jahr in der Türkei am Meer, das für mich immer eine Quelle des Friedens war, ich genieße die Natur, die Ruhe und die insgesamt gelassene Atmosphäre. Seit einem halben Jahr bin ich nach über 11 Jahren mit Medikation ohne ein Medikament und komme meistens ganz gut zurecht. Kleine Hänger gibt es, aber die hab ich dann einfach mal ausgesessen.

Zurückgeblieben ist eine sehr eingeschränkte Belastbarkeit, wenig Stressresistenz und eine mäßige Antriebsstörung. Sprich, ich muss mir für alles einmal mehr innerlich in den Allerwertesten treten, um in Gang zu kommen. Das ist für andere nicht sichtbar, die denken, dass ich doch ein recht aktives Leben führe, aber das geht eben nur, weil ich eben keinem Arbeitsdruck mehr ausgesetzt bin. Ich habe einen ganz kleinen Minijob im Home-Office, aber selbst den habe ich auf 20 Stunden im Monat beschränkt, sonst wird es mir zu viel.

Mit meinem jetzigen Mann lebe ich in einer Fernbeziehung. Einfach, weil er noch arbeitet, aber auch wenn die Abschiede immer traurig sind, bekommt es mir ganz gut, denn selbst die dauerhafte Anwesenheit eines anderen, auch geliebten Menschen ist nicht einfach für mich und ich muss dann auch immer wieder mal Auszeiten für mich haben. Zudem sind wir Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichem Biorhythmus und natürlich, mit weit über 50 Jahren, auch vielen eingefahrenen Gewohnheiten. Es ist nicht immer einfach, diese zwei Menschen unter einen Hut zu bekommen, aber ich empfinde es als großes Glück und Geschenk Gottes, dass so viel Liebe noch mal in mein Leben eingekehrt ist. Wir genießen unsere gemeinsamen Zeiten und hoffen darauf, dass wir später mehr davon zusammen verbringen, wenn keiner von uns mehr im Berufsstress steht.

Wenn ich zusammenfassen soll, was die wesentlichsten Symptome meiner Depression waren, in den schlimmen Zeiten, dann waren das einige Klassiker: Schwere Antriebsstörungen, Schlafstörungen, ständiges Grübeln und Gedankenkreisen, ein schreckliches Gefühl der Ausweg- und Hoffnungslosigkeit, unerträgliche „seelische Schmerzen“ (ich kann es nicht anders nennen, aber auch kaum beschreiben, aber ja, die Seele kann schmerzen!) quälende dauernde Suizidgedanken (keine Versuche, Gott sei Dank!), Schuld- und Schamgefühle, Überforderung, ständiges Weinen, sehr schlimme Konzentrationsprobleme – Lesen ging gar nicht mehr. Essstörungen (im Sinne von zu viel essen, dazu neige ich immer noch).

Was ich übrigens trotz allem niemals verloren habe, ist mein Humor, Gott sei Dank! Einschließlich der Fähigkeit über mich selber zu lachen. Na gut, vielleicht nicht in den allerdüstersten Phasen, aber sobald ich mal wieder ein bisschen Licht am Horizont sah, war auch der wieder da. Und das ist eine echte Ressource!

Resssourcen sind sowieso auch ein Thema, über das sich mal zu schreiben lohnt. Es gibt also sicherlich noch Stoff für einige Artikel zum Thema!