Erste Woche Ramadan 2019: Dankbarkeit, Lektüre, Nachdenkliches

Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen

Das Titelbild dieses Artikels ist mir jetzt schon mehrfach in den sozialen Medien über den Weg gelaufen, da hab ich es einfach mal geklaut, weil ich es so witzig finde. Für Nichtmuslime: Das Bild spielt mit dem Thema der „Überlieferungen“ im Islam. Dabei handelt es sich Erzählungen über Äußerungen unseres Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm, und – bei den schiitischen Muslimen – auch über solche seiner Nachkommen. Diese Überlieferungen („Hadith“) sollen das Verständnis des Korans erleichtern, indem sie Erklärungen des Propheten wiedergeben und Begebenheiten aus seinem Leben. Leider ist das auch ein umstrittenes Thema, denn es gibt sehr viele gefälschte Überlieferungen, oder solche von nicht vertrauenswürdigen Überlieferern, so dass man da nicht alles als wahr annehmen darf, was so kursiert. Eine ganze Wissenschaft im Islam beschäftigt sich mit diesem Thema, aber leider gibt es ja auch sehr viele „Google-Imame“, die mit dem Thema nicht sehr verantwortungsvoll umgehen. So, das war nun eine sehr lange Einleitung und Erklärung zu einem lustigen Bildchen.

Ich habe seit langen Jahren das erste Mal eine ganze Woche im Monat Ramadan mit gefastet und bin sehr dankbar, dass mir das möglich war und so Gott will auch im restlichen Monat möglich ist. Ich fühle mich doch irgendwie mehr zugehörig zu der großen islamischen Gemeinde, auch wenn ich den Monat in relativer Zurückgezogenheit verbringe. Mir geht es gut, auch wenn es nicht ganz leicht ist, aber mit meinem ruhigen Rhythmus komme ich mit dem Fasten zurecht, an manchen Tagen besser, an manchen ist es mühseliger. Nicht weil ich hungrig wäre, durstig schon eher mal, aber es fehlt eben doch an Energie.

An den Vormittagen bin ich eigentlich fast normal leistungsfähig, aber ab mittags knicke ich dann doch sehr ab und schlafe erstmal ein paar Stunden. Nach dem Fastenbrechen, dem Iftar, bin ich dann zwar nicht müde, obwohl das schon fast meine übliche Zubettgehzeit ist, sondern bleibe relativ lange wach, aber das ist dann keine Zeit für konzentrierte Tätigkeiten.

Meinen täglichen Abschnitt im Koran, bzw. in der Übersetzung lese ich meistens nach der Mittagsruhe. Dann ist es jetzt auf dem Balkon so schön zu sitzen und ich mache es mir dort gemütlich.

Ich sagte ja schon, dass je nachdem was gerade so Lebensthema ist, sich auch bestimmte Themen im heiligen Koran besonders „bemerkbar“ machen. Bei mir ist es z.Zt. ein kurzer Abschnitt aus der 7. Sure, Al Araf – Die Höhen, aus den Versen 42 und 43:


42
Diejenigen aber, die glauben und rechtschaffene Werke tun – Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag –, jene sind Insassen des (Paradies)gartens. Ewig werden sie darin bleiben.

43
Und Wir nehmen weg, was in ihren Brüsten an Groll ist. Unter ihnen strömen Flüsse. Und sie sagen: „(Alles) Lob gehört Allah, Der uns hierher geleitet hat! Wir hätten unmöglich die Rechtleitung gefunden, wenn uns Allah nicht rechtgeleitet hätte. Die Gesandten unseres Herrn sind wirklich mit der Wahrheit gekommen.“ Und es wird ihnen zugerufen: „Siehe, das ist der (Paradies)garten. Er ist euch zum Erbe gegeben worden für das, was ihr zu tun pflegtet.“

Die Übersetzung ist in diesem Fall von islam.de.

Diese Stelle beschäftigt mich schon ein paar Tage. Einmal wegen der Aussage: „Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag“ – denn das rührt noch einmal an das Thema „Krankheit“, ich habe ja ein paar Artikel über das Thema Depression geschrieben, zuletzt diesen hier: Danke für die Depression.

Andererseits muss ich an die vielen Menschen denken, die gerade in unvorstellbarer Weise unter Krieg, Hunger und Unterdrückung leiden. Ich glaube, diesen Vers kann man dann nur verstehen, wenn man überzeugt ist, dass dieses Leben nicht alles ist, sondern dass es noch ein weiteres Leben gibt, in dem schließlich alles gut wird, so wie es der zweite Vers sagt.

Bei diesem beschäftigt mich für mich persönlich das Thema „Groll“. Denn ich bin nicht ganz frei davon, auch wenn ich mich schon zu einem großen Teil unguter Gefühle entledigt habe. Manchmal holt mich er mich doch ein, der Groll über erfahrenes Unrecht. Besonders über das, was mir von einem Menschen zugefügt wurde, dem ich bedingungslos vertraut habe. Ich denke darüber nach, ob die Freiheit von einem solchen Gefühl nicht eines der erstrebenswertesten Dinge ist. Und wenn die gänzliche Befreiung davon schon in diesem Leben gelingt: ist das nicht schon ein großer Schritt dahin, das „Paradies auf Erden“ zu erleben?

Bougeainvillea, aufgenommen in Side, im Mai 2019

Ich bin mir da eigentlich sicher, aber wie gesagt, ganz befreit bin ich noch nicht. Das wird also noch mein Thema bleiben und so Gott will, nutze ich auch diese besinnliche Zeit für die Auseinandersetzung damit. Wie immer ist das kein Thema das alleine steht, sondern es verbindet sich mit anderen Lebensthemen – mal sehen, ob mir die Koran-Lektüre in diesem Monat da hilft, etwas „rund“ zu machen.

Außer im Koran zu lesen, habe ich mir in dieser Woche noch das neue Buch von Jürgen Todenhöfer vorgenommen: „Die große Heuchelei – wie Politik und Medien unsere Werte verraten“

Die Lektüre tut weh, muss aber sein, finde ich, wenn man nicht zu den Heuchlern gehören, oder ihnen folgen will. Ich bewundere Jürgen Todenhöfer, der sich im Laufe seines Lebens vom „rüstungspolitischen Sprecher“ zum bedingungslosen Pazifisten gewandelt hat, weil er keine Angst hat (oder diese überwindet), weil er ungeachtet aller Gefahren sich in Kriegsgebiete begibt und die schmerzliche Wahrheit des Krieges anschaut, mit den Menschen spricht und uns diese Wahrheit ins Gesicht sagt. Und nicht nur uns „Normalos“, sondern auch den Mächtigen dieser Welt. Die ihn erstaunlicherweise durchaus anhören, auch wenn sie nicht unbedingt auf ihn hören. Also, wer die Geschichte des „Westens“ ungeschönt kennen lernen will, findet in dem Buch einen Überblick, dazu viele Informationen über die Kriege, die „wir“ im Westen angeblich gegen den Terror führen und über die unrühmliche Rolle der Medien, die doch eigentlich in der Demokratie den Auftrag haben, die Entscheidungen der Regierenden kritisch zu begutachten – aber leider heutzutage zu einem großen Teil an der Vorbereitung und Rechtfertigung von Kriegen mitwirken. Die Berichte über Begegnungen mit Menschen in Kriegsgebieten, oder von Flucht und Vertreibung sind Herz zerreißend – aber es ist ja auch gut, wenn wir noch ein Herz haben, das Mitgefühl empfindet. Jürgen Todenhöfer ist ein echter Mensch, der nicht abgestumpft ist und, was ich besonders bewundere, der trotz all diesen Elends die Hoffnung auf eine friedliche Welt nicht aufgegeben hat. Er ist trotz allem was er gesehen hat in der Lage, in jedem Menschen den göttlichen Funken zu erkennen, der uns mitgegeben wurde. So gibt es auch einen Abschnitt: „Was tun“ in diesem Buch.

Rose, aufgenommen im Mai 2019 in Side in der Türkei

Ja, das war´s was mich diese Woche so beschäftigt hat. Und ich bin wirklich privilegiert, dass ich den heiligen Monat Ramadan unter solchen Umständen, in Ruhe und Sicherheit verbringen kann. So Gott will, werden auch alle die Menschen die heute unter Hunger, Krankheit und Unterdrückung leiden, einmal in diesen Genuss kommen.

Monat Ramadan: Der Monat des Koran

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

„Der Monat Ramadan ist es, in dem der Quran offenbart wurde, als eine Führung für die Menschen und als klares Zeugnis für die Rechtleitung und die Auseinandersetzung (zwischen Wahrheit und Unwahrheit).“ (Heiliger Quran Sure 2, Vers 185)

Der heilige Monat ist nicht einfach eine Zeit, in der wir unsere Selbstbeherrschung trainieren und mehr beten. Nein, wir feiern darin, dass Gott uns seine abschließende Offenbarung, die bestätigt, ergänzt und abschließt, was in den anderen heiligen Büchern schon geschrieben steht, herab gesendet hat. Wir sind damit nicht im Widerspruch zu den anderen abrahamitischen Religionen, dem Juden- und Christentum:

In der 4. Sure des Korans (An-Nisa- die Frauen) heißt es in Vers 125:
„Und wer hat eine schönere Religion als jener, der sich Allah ergibt und dabei Güte übt und dem Glauben Abrahams folgt, des Aufrechten? Und Allah nahm Sich Abraham zum Freund.“

Bild von Josef Fendt auf Pixabay

Ich habe mehrere Koran – Übersetzungen. Keine ist so richtig gut, sagen die, die es beurteilen können. Manchmal nehme ich mir mehrere zur Hand, wenn ich gucken will, wie andere Übersetzer mit einer bestimmten Stelle fertig geworden sind. Jede Übersetzung ist ja auch schon mindestens ein Stück Interpretation, auch wenn diese eigentlich Aufgabe der Fachleute für dieses Thema ist.

Den Koran auszulegen ist ein Lebenswerk. Das macht man nicht so nebenher, auch wenn man heute in deutschen Medien schon zum „Islamexperten“ wird, wenn man mal einen Abschnitt einer deutschen Übersetzung gelesen hat. Komisch, dass sich das bei den heiligen Büchern anderer Religionen nicht jeder anmaßt.

Je länger ich Muslima bin und je öfter ich im Koran lese, je mehr ich darüber lerne, was alles zu den Wissenschaften um den Koran gehört – je mehr erkenne ich meine Grenzen und das ist auch gut so. Was nicht heißt, dass Gott sich nicht auch mir verständlich macht, selbst in einer mangelhaften Übersetzung. Das heilige Buch hat viele Schichten. Auch wenn ich mich an der Oberfläche des Verständnisses bewege, heißt das ja nicht, dass ich dort nichts Wertvolles finde. Und bei jedem Durchgang beiße ich mich sozusagen an anderen Themen fest. Je nachdem, was mich gerade so in meinem Leben bewegt.

Wir haben heute viele Möglichkeiten, uns den Koran von Leuten erklären zu lassen, die ein tiefer gehendes Verständnis haben, alhamdulillah (= alles Lob gebührt Allah).

Bei meiner ersten Begegnung mit dem Koran, als ich gerade anfing mich für den Islam zu interessieren, sah ich nur „Höllenfeuer“ in dem Buch. Und es kam mir sehr katholisch vor, war doch auch meine christliche Erziehung von Ängsten vor der Hölle geprägt.

Hier wie dort eine Fehlinterpretation, die leider viele Menschen zu einer schlechten Meinung über Gott bringt und mich viele Jahre vom Glauben entfernt hat.

Gott sei Dank hab ich an der Stelle nicht das heilige Buch in die Ecke geworfen, sondern ich wollte verstehen und habe weiter gelesen, nicht nur im Koran sondern auch rund um die Offenbarung und um das Leben unseres Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm und mit seinen reinen Nachkommen.

Und siehe da: nicht nur musste ich einsehen, dass der Koran kein Menschenwerk ist, sondern tatsächlich göttliche Offenbarung, sondern auch, dass er ein „Liebesbrief“ Gottes an die Menschen ist und eine unerschöpfliche Quelle an Weisheiten, Gleichnissen, Geschichten über Gott, das Leben und das Zusammenleben der Menschen. Das hat mich dann zu der Entscheidung gebracht, Muslima zu werden und mein Leben an dieser Botschaft auszurichten. Und auch wenn das vielen unverständlich erscheint: Für mich ist damit vieles „rund“ geworden, viele Themen an denen ich hätte verzweifeln können, ob persönlicher oder gesellschaftlicher Art, haben ihren Sinn offenbart. Aber das ist eine andere Geschichte – oder viele Geschichten.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Wenn wir Übersetzungen und Auslegungen (=Tafsir) des Korans lesen, müssen wir gut aufpassen, von wem die stammen. Die islamische Welt ist kein einheitliches Gebilde. Niemandem ist verborgen geblieben, dass es Verfechter einer angeblich wortgetreuen, aber trotzdem Sinn entstellenden Auslegung gibt, die den Islam als eine grausame Religion und Gott als einen strafenden, unbarmherzigen Herrscher darstellt, der nur denen gnädig ist, die sich in ein enges Korsett blinden Gehorsams pressen und ihren Verstand und ihr Herz ausschalten. Bei einer solchen Auslegung sind sich dann die unbarmherzigen „Islamisten“ und die sogenannten „Islamexperten“ einig. Sie haben wohl überlesen, dass sich Gott im heiligen Koran zur Barmherzigkeit verpflichtet hat!

Es ist ziemlich dumm von mir, dass ich außerhalb des Monats Ramadan viel zu selten hineinschaue in das heilige Buch! Natürlich rezitiere ich im Gebet immer kurze Abschnitte, aber es sollte wirklich zum täglichen Ablauf gehören, mindestens einen kleinen Abschnitt zu lesen! Klappt doch im Monat Ramadan auch.

Monat Ramadan 2019: Beflügelt

Bild von U Hd auf Pixabay

Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, so bin Ich nahe; Ich erhöre den Ruf des Bittenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie nun auf Mich hören und an Mich glauben, auf daß sie besonnen handeln mögen. (Heiliger Koran, Sure 2, Vers 186)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Im Monat Ramadan fällt vieles leichter. Klingt vielleicht sonderbar für die, die sich diesen Monat als eine einzige Quälerei vorstellen, voll Hunger und Durst. Und beides gibt es natürlich, manchmal auch unerträglich scheinend – aber oft fällt es eben viel leichter zu fasten, als in anderen Monaten. Das kennen glaube ich, viele Muslime, die Fastentage nachholen müssen. Es ist viel leichter in dieser Zeit, in der Milliarden Menschen auf der Welt fasten. Es ist z.T. diese Vorstellung, dass immer irgendwo auf der Erde jetzt gerade gefastet und anderswo das Fasten gebrochen wird, die ich sehr inspirierend finde. Die Gebetszeiten, die Fasten- und Essenszeiten wandern mit dem Sonnenstand um die Welt, wie eine große Welle von Glaubensgeschwistern stelle ich mir das vor, die gerade im Gebet stehen, oder sich niederwerfen, die ihren letzten Schluck trinken vor dem Fasten, oder die ihr Fasten jetzt gerade brechen.

Ich bin zwar praktizierende Muslima und in der Regel halte ich meine Gebetszeiten ein – aber die freiwilligen Gebete, die zusätzlich zu den Pflichtgebeten empfohlen sind, die lasse ich meistens weg. Letzte Nacht aber, als ich beschlossen hatte dass es so spät geworden sei, dass ich auch wach bleiben konnte bis zum Morgengebet, habe ich seit langer Zeit mal wieder das empfohlene Nachmitternachtsgebet gebetet.

Bild von Vlad Ymyr auf Pixabay

„Das Gebet ist die Himmelfahrt des Gläubigen“ heißt es. Meine täglichen Ritualgebete sind davon oft weit entfernt. Kaum stelle ich mich zum Gebet, gehen mir tausend unwichtige Dinge durch den Kopf und ich muss mich sehr anstrengen bei der Sache zu bleiben und das Gebet wirklich zu nutzen: als Auszeit von genau den Nichtigkeiten und als Ausrichtung von meinen eigentlichen Daseinszweck und als Gelegenheit, mich meinem liebenden Schöpfer zuzuwenden, um Verzeihung für die Fehler zu bitten, die ich seit dem letzten Gebet begangen habe und um Beistand für alle Herausforderungen die mir begegnen könnten, bis zum nächsten Gebet.

Es ist schon erstaunlich, wie sich das im Monat Ramadan verbessert. Bei mir sehe ich ziemlich deutlich, dass es auch daran liegt, dass ich mich zurückziehe, nicht so viel zu erledigen habe, sondern nur das Nötigste einkaufen gehe und möglichst viele anstrengende Termine auf die Zeit nach dem Monat Ramadan verschiebe. Gott sei Dank habe ich ja die Möglichkeit dazu, weil ich nicht mehr berufstätig bin – bis auf das bisschen das ich im Home-Office für den Minijob erledige. Aber da bin ich ja relativ flexibel mit meiner Zeit.

Also im Monat Ramadan bin ich etwas beflügelt und jedenfalls einige meiner Gebete kommen der Himmelfahrt näher. Und das Nachmitternachtsgebet ist dabei schon eine besondere Erfahrung. Es ist sehr ruhig – ich wohne sowieso recht ruhig, aber um diese Zeit hört man auch nix von der Straße, im Hotel nebenan ist keine Musik mehr und die Vögel haben ihr Morgengebet noch nicht begonnen, :-). Das ist die Gelegenheit, sich ganz auf die Annäherung an Gott zu konzentrieren und IHM alles zu sagen und IHN um alles zu bitten, was gesagt werden will und um das gebeten werden will.

Ich hoffe, ich nutze diese Gelegenheit noch öfters in diesem Monat und nehme die Erfahrung dann mit in das restliche Jahr. Was bei mir nicht funktioniert ist, dass ich mir so etwas fest vornehme. Dann boykottiere ich mich selbst. Lieber bewahre ich das gute Gefühl in mir und pflege es, damit die Sehnsucht danach wächst, diese Erfahrung möglichst oft zu wiederholen.

„Mullah-Seminar“ – ich war dabei!

Bismillah

 

In den letzten Wochen konnten wir Zeuge einer antimuslimischen Kampagne der Springer-Presse sein. Ziel waren schiitische Muslime, die sich gegen Radikalisierung und für einen Islam der  Vernunft einsetzen. Nanu? Sollte man nicht gerade mit solchen Muslimen zusammenarbeiten?

Die Springer-Medien sind anderer Meinung und zwar nur deshalb, weil aus der Richtung der schiitischen Muslime am häufigsten Kritik an der israelischen Politik zu vernehmen ist. Und da verlässt dann wiederum den Springer-Verlag jegliche Vernunft und es wird gehetzt und gelogen was das Zeug hält. Recherche? Nicht nötig, wilde Spekulationen tun es doch auch. Und Springer behielt recht: mit dem Vorwurf, es handele sich um „Iranische Terror-Helfer“ und Antisemiten schafften sie es, die übliche zionistische und antideutsche Lobby zu mobilisieren und eine Reihe von naiven Unterstützern zu gewinnen die auf ihren Zug aufsprangen so dass schließlich das Ziel der Kampagne teilweise erreicht wurde. Denn dieses Ziel war, die Bundesfamilienministerin so unter Druck zu setzen, dass diese die Unterstützung für einen Workshop gegen Radikalisierung zurückzieht. Was dann auch einen Tag vor der Veranstaltung geschah.

Was die Kampagne nicht erreichte, war dass dieser Workshop nicht stattfand. Und so fanden  sich dann am vergangenen Wochenende im Al-Mustafa-Institut in Berlin, einer theologischen Bildungseinrichtung, ca. 25 meist junge und gebildete Muslime (und ich) überwiegend,aber nicht nur aus der schiitischen Rechtsschule mit ihren Dozenten (Professoren und Professorinnen der Philosophie,  islamischen Theologie, Jura und der Sozialwissenschaften – darunter eine Trägerin des Bundesverdienstkreuzes) ein um an drei Tagen über den

Islam zwischen Rationalität und Radikalität 

zu lernen und zu diskutieren. Veranstalter war der Dachverband der Schiiten, die „Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland“

Ich erspare mir hier, alle die Pamphlete zu verlinken, die gegen dieses „Mullah-Seminar“ veröffentlicht wurden, die kann man ganz leicht finden, und gehe lieber auf die Inhalte des Workshops ein. Im Anschluss werde ich dann noch ein paar aufklärende Artikel anhängen.

Lieber fasse ich hier kurz zusammen, was wir im Workshop behandelt haben.

Aufgeteilt war das Programm in 3 Themenblöcke: einen theologischen, einen historischen und einen sozialpolitischen Teil.

Im theologischen Teil ging es zunächst um die Rolle des Verstandes und der Vernunft in der islamischen Theologie. In unserem heiligen Buch, dem Koran, wird viele Male darauf verwiesen, dass der Mensch Verstand besitzt und diesen doch auch benutzen soll. Im ersten Vortrag wurde behandelt, welche Rolle dieser Verstand beim Verständnis der Offenbarung und der Begegnung mit unserem Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm abgekürzt: s. , spielen sollte: In seiner Zeit war der Prophet, s., schon als guter und sehr vertrauenswürdiger Mensch bekannt, bevor seine Berufung zum Propheten erfolgte – aber woran konnten die Menschen erkennen, dass seine Äußerungen, die er jetzt in der neuen Rolle machte, glaubhaft waren und sie ihm folgen sollten?

Hierzu war es nötig, Vernunft und Verstand einzusetzen und die Worte des Propheten, s., auf innere Kohärenz und Konsistenz zu überprüfen – ob innerhalb des Korans, oder in seinen Äußerungen außerhalb der direkten Offenbarung. Hätte es Widersprüche darin gegeben, oder in seinem Verhalten – dann wäre er nicht glaubhaft gewesen.

So mussten also die Menschen in der Zeit des Propheten, s., ihren Verstand benutzen, um seine Wahrhaftigkeit zu überprüfen. Und auch der Prophet, s., selber beachtete den Intellekt seiner Gesprächspartner und ging in entsprechender Weise auf die Menschen ein.

Es gibt keine andere Möglichkeit, als bei der Auseinandersetzung mit der Botschaft Muhammeds, s., seinen Verstand zu benutzen.

Der Intellekt spielt so eine große Rolle bei uns Menschen, dass einer unserer großen islamischen Vorbilder, Imam Dschafar Sadiq, Friede sei mit ihm, abgek.: a., sagte:

Die Hauptsäule des Menschen ist der Verstand

Er benutzte hier den arabischen Begriff„Aql“: deutsche Übersetzung: Verstand, Logos, Gerechtigkeit, Intellekt, Ratio. Über die Herkunft und die verschiedenen Bedeutungen dieser Begriffe haben wir auch gesprochen, aber das führt hier jetzt zu weit.

Im theologischen Teil des Workshops ging es dann weiter mit der Rolle, die der Intellekt bei der Interpretation des Korans und der zweiten wichtigen theologischen Quelle der Muslime, den Überlieferungen (Hadith, Mz.  in Deutsch Hadithe, Arabisch Ahadith) der Aussagen und Handlungen des Propheten, s. spielt, sowie über Hermeneutik bei der Exegese des Korans (dieser letzte Teil war auf Englisch und ich habe nicht genug mitgeschrieben um es sinnvoll weitergeben zu können).

Im zweiten Teil des theologischen Themenblocks wurde die Rolle des Verstandes in der islamischen Religionsgeschichte noch mehr betont. Religion und Vernunft gehören zusammen, das ist das Wesen des Islams. Das Denken ist ein einzigartiges menschliches Talent und unterscheidet uns von den Tieren. Niemals kann die eigene Verantwortung für das Verständnis unserer Religion abgegeben werden: blinde Gefolgschaft gibt es im Islam nicht, die Grundlagen (Säulen) des Glaubens  muss der Mensch selber begreifen und darf sich darin nicht nach anderen richten. Das Befolgen der Anweisungen von Gelehrten darf sich nur auf Nebenaspekte beziehen, also bspw. Anleitungen wie man betet und dgl.

Nur zur Erläuterung: Die „Säulen des Islam“ sind nach schiitischer Rechtsschule der Glaube an die Einheit Gottes (Tauhid), der Glaube an die Propheten, der Glaube an das Jüngste Gericht, der Glaube an Gottes Gerechtigkeit, der Glaube an das Imamat

In diesem theologischen Abschnitt haben wir noch eine Vielzahl von koranischen Versen besprochen, die auffordern zu lernen und nachzudenken und dadurch Gott zu erkennen.

Das Fazit dieses Abschnitts: Das Denken ist die zentrale Säule des  schiitischen Islams!

Nach dem theologischen Teil des Workshops gingen wir zur Geschichte des Islams über – und hier finden wir die Wurzeln vieler Probleme die wir heute haben!

In zwei ausführlichen Vorträgen wurde die Zeit des Propheten, s., seine Auseinandersetzung mit seinem sozialen Umfeld und die Art, wie über ihn berichtet wurde und die Geschichte der Überlieferungen im Islam besprochen. Während es keinen Zweifel unter allen Muslimen darüber gibt, dass der Koran uns im arabischen Original absolut unverfälscht erhalten geblieben ist, gibt es bei den Berichten über die Aussagen und Handlungen des Propheten, s., erhebliche Differenzen. Was sich natürlich auch auf die Art auswirkt, wie der Koran ausgelegt wird. Zur Zeit des Propheten, s., hat er selber diese Auslegungen vorgenommen – aber leider ist davon im Laufe von 1400 Jahren viel verloren gegangen oder verfälscht worden.

Das hat einmal damit zu tun, dass es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie die Zeitgenossen des Propheten, s., zu bewerten sind. Eine große Anzahl der Muslime glaubt, dass alleine das Zusammensein mit dem Propheten, s. und das öffentliche Bekenntnis zum Islam, die Menschen zu vertrauenswürdigen Personen gemacht hat. Leider ein Irrtum, der zudem auch in Hunderten von Koranversen aufgedeckt wird. Hier ist viele Male von den Heuchlern die Rede, die ihre wahre Meinung verbergen, weil sie Opportunisten sind und ihren eigenen Vorteil suchen.

Das bedingt auf jeden Fall schon eine kritische Betrachtung sowohl der Überlieferer, als auch der Überlieferungen. Und was noch dazu kommt – das haben wir ausgiebig im zweiten Abschnitt des historischen Themenblocks besprochen: zu Lebzeiten des Propheten, s., wurden seine Äußerungen aufgeschrieben, aber in ungefähr 100 Jahren nach seinem Tod wurden diese vernichtet und die regierenden Herrscher verboten es, Überlieferungen zu sammeln.

Es werden verschiedene Gründe für dieses Verhalten genannt. Wohlwollende Stimmen meinen, dass es aus der Befürchtung heraus geschah, Koran und Überlieferungen könnten vermischt werden, andere sagen, dass es darum ging die Macht von unrechtmäßig ins Amt gekommenen Herrschern zu erhalten und die Familie des Propheten in Vergessenheit geraten zu lassen.

Nicht alle Überlieferungen wurden vernichtet und es wurde auch viel mündlich überliefert, aber ein großer Schatz ist uns verloren gegangen und – um es noch schlimmer zu machen . es wurden große Zahlen von gefälschten Hadithen produziert, mit denen die regierenden und oft unterdrückerischen Herrscher der islamischen Dynastien, wie die Umayyaden, ihre Gewaltherrschaft rechtfertigen wollten.

Für die heutige Zeit sind diese Erkenntnisse wichtig, denn ein großer Teil der Muslime glaubt daran, dass es „Sahih“-Überlieferungen gibt. Damit ist gemeint, dass diese Werke absolut zuverlässig und geprüft sind. Leider finden sich darin Aussagen, die weder zum Koran, noch zum Wesen des Propheten, s., passen, die aber als Grundlage für die Gewalttaten terroristischer „islamistischer“ Organisationen genutzt werden.

Auch hier geht es nicht ohne eine kritische Betrachtung aller Aspekte. Eine Überlieferung, die dem Koran widerspricht, kann schon mal nicht richtig sein. Eine Überlieferung mit unzuverlässigen Überlieferern ebenfalls nicht. Fazit: Es gibt keine „Sahih“- Werke!

Der dritte Teil des Workshops beschäftigte sich mit sozialpolitischen Aspekten, zunächst mit den psychologischen und sozialen Gründen für die Radikalisierung junger Muslime. Die Dozentin hat jahrelange Erfahrung in einer Beratungsstelle zur Deradikalisierung gesammelt und konnte sowohl aus ihrer täglichen Arbeit, als auch anhand von Fachliteratur und Statistiken vermitteln, welche Aspekte hier eine Rolle spielen. Und das spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: im persönlichen Bereich, in dem junge Menschen in Pubertät und Adoleszenz mit ihrer Identitätsfindung beschäftigt sind, samt vieler Probleme die in der Phase auftreten können, im Bereich des engeren sozialen Umfelds, aber auch auf der größeren gesellschaftlichen Ebene, z.B. wenn Menschen die ungerechte Außenpolitik unseres Landes betrachten und der innere Widerstand dagegen eine Rolle dabei spielt, dass sie auf die vermeintlichen guten und gerechten Absichten radikaler Gruppierungen hereinfallen. Insgesamt bieten diese Gruppen (wir sprachen hauptsächlich über salafistische Gruppen, aber grundsätzlich gilt das auch für andere Gruppierungen innerhalb und außerhalb des Islams) ein einfaches Weltbild, Anerkennung und Kameradschaft an und das Gefühl, sich für eine gerechte Sache einzusetzen.  Verbrämt mit Heilsversprechen, aber auch mit der Legitimation von Gewalt, was Jugendliche mit kriminellem Potential anspricht, locken sie die jungen Leute dazu, sich ihren Gruppierungen anzuschließen. Erschreckend: alleine aus Deutschland sind fast  tausend  Personen ausgereist, um sich dem „IS“ oder anderen terroristischen Gruppen in Syrien und im Irak anzuschließen. Diese Menschen waren meistens überhaupt nicht religiös, häufig auch gar keine Muslime, bevor sie in die Fänge dieser Sekten gerieten.

Der letzte Abschnitt des sozialpolitischen Teils beschäftigte sich mit der Rolle der Medien und der Politik, bei der Erschaffung des Islambildes in unserer Gesellschaft, das ein sehr schlechtes und defizitäres Bild ist. Die Dozentin forderte aber auch uns Muslime auf, uns mehr in die Gesellschaft einzubringen und keineswegs in einer Opferrolle zu verharren. Wir sollten uns in allen gesellschaftlichen Bereichen einbringen, selbstbewusst mit unserer muslimischen Identität, aber nicht auf Islamthemen begrenzt.

Das war eine sehr kurze und begrenzte Zusammenfassung des Inhaltes des so umstrittenen „Terror-Helfer“ Workshops, oder auch „Mullah-Seminars“.

Am letzten Tag haben wir sehr lebhaft unsere Erkenntnisse zusammengetragen und Thesen formuliert, bzw. Wünsche und Handlungsanregungen an verschiedene gesellschaftliche, muslimische und nichtmuslimische Akteure. Diese Erkenntnisse werden sicherlich an anderer Stelle veröffentlicht und ich werde sie dann , so Gott will,  hier verlinken.

Ich bin sehr dankbar, dass ich an dieser so hochkarätig besetzten Veranstaltung teilnehmen durfte! Und ich hoffe, ich habe einen kleinen Einblick geben können um die völlig ungerechte Bewertung dieses Workshops klar zustellen. Von unseren Medien und unserer Politik, ja auch von manchen Geschwistern und Akteuren der „Zivilgesellschaft“ bin ich wirklich enttäuscht, weil sie auf billigste Propaganda hereinfallen!

Hier noch ein paar Links zur Auseinandersetzung um die Veranstaltung, wird ggf. ergänzt:

Pressemitteilung des Veranstalters (IGS)

Pressemitteilung des Al-Mustafa Institutes

Wer ist Antje Schippmann? Eine Journalistenkarriere bei der Springerpresse

Inzwischen sind die Handlungsempfehlungen/Arbeitsergebnisse des Workshops erschienen

Und hier mal ein fairer Artikel zu dem ganzen Wirbel:

Schiiten in Deutschland

Eine Dozentin erzählt:

Meine Begegnung mit jungen Muslimen am Al-Mustafa Institut