Zweite Woche des Monats Ramadan 2019: Gedanken über „Zeitvertreib“

Das diesseitige Leben ist nur Zerstreuung und Spiel. Die jenseitige Wohnstätte ist wahrlich das (eigentliche) Leben, wenn sie es nur wüssten!

(Heiliger Quran, Sure 29 – die Spinne – Vers 63)

Die zweite Woche im diesjährigen Monat Ramadan ist vergangen und Gott sei Dank: ich habe weiter gefastet und das ohne größere Probleme, so dass ich zuversichtlich bin, dass dieses der erste Monat Ramadan seit Jahren sein wird, den ich durchgehend faste.

Mein Tagesrhythmus ist weiterhin ganz anders als in gewöhnlichen Zeiten, aber mit einer langen Mittagsruhe halte ich ganz gut durch. Dafür ist der Nachtschlaf kürzer, aber vormittags bin ich trotzdem recht produktiv und habe einiges geschafft. Eher Kopf- als körperliche Arbeit, denn ich fühl mich schon ein bisschen schlapp, aber nicht in bedenklichem Ausmaß. In dieser Woche war ich eher an den Nachmittagen spazieren, oder etwas erledigen, aber auch das ging ganz gut. Es ist ein gutes Gefühl, nicht allen Versuchungen erliegen zu „müssen“ die mir so begegnen. Ich bin ja eine, die sonst an Eisbuden und Konditoreien schwer vorbeikommt. Nicht dass ich jetzt nicht nasche, aber ich muss es dann eben in den Abend aufschieben und erstaunlicherweise muss in diesem Monat nicht jedes Bedürfnis sofort befriedigt werden.

Ich lese weiter täglich ein Stück in meiner Koranübersetzung und das woran ich öfter „hängenblieb“, waren Sätze wie der obige Auszug…Und, ich „oute“ mich: ich habe bis zu diesem Monat für eine ganze Weile ein Onlinespiel gespielt, ein Aufbau- und Strategiespiel…ein „Abschiedsbild“ aus meiner Spielwelt seht Ihr oben.

Das ist kein Ballerspiel oder so, nein, man versucht eine Stadt mit zufriedenen Bewohnern aufzubauen, in dem man eine gute Infrastruktur schafft, man muss Aufgaben erfüllen, mit Freunden kooperieren, kann anderen helfen oder Hilfe erfahren, Handel treiben, neue Ziele erforschen. Na gut, manchmal überfällt man auch mal seine Nachbarn, aber man ist nicht gezwungen, sie auszurauben, *lol*. Da ich keine große Fernsehguckerin bin, hab ich mich dabei entspannt und mir die „Zeit vertrieben“.

Und genau wegen des „Zeit Vertreibens“ hab ich das jetzt eingestellt. Meine Zeit auf dieser Erde ist knapp bemessen. Sicherlich brauchen wir Entspannung und ich werde jetzt auch nicht jede freie Minute mit sinnvoller Lektüre verbringen, oder nützlichen Arbeiten. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich zu viel damit beschäftigt, meine Zeit so geplant habe, dass ich mit meinen „Freunden“ im Spiel die gegenseitigen Hilfsaktionen verabreden konnte, mich immer wieder einloggen musste, um virtuelle Produktionen aus meinen virtuellen Fabriken einzusammeln usw. Außerdem war ich immer wieder geneigt, echtes Geld auszugeben, um in dem Spiel voranzukommen. Ist meiner Meinung nach nicht schlimmer als Geld für Netflix, Kino, seichte Literatur oder Konzerte zu bezahlen, aber muss ja nicht unbedingt sein.

In der 103. Sure im heiligen Quran wird der Mensch auch darauf hingewiesen, dass er im Zustand des Verlustes ist, d.h. das seine Zeit stetig verrinnt – so jedenfalls hat man mir die Bedeutung dieser Sure erklärt:

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.
1. Bei der Zeit,
2. Wahrlich, der Mensch ist in einem Zustande des Verlusts,
3. Außer denen, die glauben und gute Werke tun und einander zur Wahrheit mahnen und einander zum Ausharren mahnen.

Heiliger Quran, Sure 103, Al Asr)

Es gibt so viele Möglichkeiten, Zeit zu verschwenden, ich muss sie ja nicht alle nutzen. Ich fand jedenfalls, dass das Spiel ein Beispiel ist dafür, wie wir womöglich am Ende unseres Erdendaseins unser ganzes Leben betrachten werden….sehr vieles davon wird uns einfach nichtig erscheinen. Und manches Materielle wird am Ende genauso wenig wert sein, wie die virtuellen Schätze aus einem Browserspiel. Aber es ist o.k. für mich, es mal gespielt zu haben und ich hab mich freundlich von den Menschen verabschiedet, die da ganz woanders an ihren Computern sitzen und mir geholfen haben, mich da zurechtzufinden.

Wenn ich aber jetzt Entspannung suche, dann doch eher wieder mit einem Krimi, oder auf Fotosafari…schließlich ist jetzt die schönste Zeit hier in der Türkei, finde ich. Alles blüht, wenn ich durch den Garten unserer Anlage gehe, umwehen mich Rosen-, Oleander- und Jasminduft, das Meer ist sagenhaft blau und die Temperaturen sehr angenehm, noch nicht zu heiß. Ich habe es wirklich so gut, alhamdulillah!

Früher hab ich eine Zeitlang Bildbearbeitung geübt, leider läuft mein altes Programm nicht mehr auf den neueren Computern, darum musste ich das aufgeben. Ich bin noch auf der Suche nach einer bezahlbaren Alternative, denn das war für mich eine meditative Beschäftigung, da habe ich mich während der Basteleien oft mit Koranzitaten oder Überlieferungen beschäftigt und versucht, diese visuell zu gestalten. Das würde ich gerne wieder tun, allerdings dann eher im Winter.

Ich freue mich aber auch, dass ich im heiligen Monat jetzt die Konzentration für das eine oder andere freiwillige Gebet mehr aufbringe, oder zum Koranlesen, oder um mal wieder ein islamisches Buch aus meiner kleinen Bibliothek zu lesen.

Was es sonst noch zu berichten gibt: mich hat der Nestbautrieb gepackt. Ich wohne ja fast seit 1,5 Jahren hier, aber die Ausgestaltung meiner/unserer Wohnung macht gerade Fortschritte und jetzt habe ich langsam das Gefühl, dass ich ihr so richtig meinen Stempel aufgedrückt habe. Ich lasse mich wohl jetzt so richtig häuslich nieder und glaube, dass die Aufgabe meiner Wohnung in Deutschland dieses Gefühl erst richtig möglich gemacht hat. Und vielleicht ist es für mein Wohlgefühl auch nötig, dass ich es so richtig schön gestalte. Also so wie ich es schön finde. Mein Mann ist ja selten hier und ihm gefällt es, wenn es mir gefällt, sagt er. Es stehen noch Bau- und Renovierungsarbeiten an, aber die müssen bis September warten, bis er wieder hier ist. Bis dahin kümmere ich mich um so Sachen wie Schränke, Bettwäsche, Geschirr und Lampen. Auch das alles nur für das diesseitige Leben wesentlich – aber es heißt ja nicht, dass wir uns daran nicht erfreuen dürfen. Ich brauche keinen irrsinnigen Luxus, aber ich genieße es, es mir gemütlich zu machen. Da ich ja sehr viel aus meinem „alten“ Leben verschenkt oder verkauft habe, weil es sich nicht lohnte es in die Türkei zu überführen, freue ich mich, dass man hier schöne Sachen preiswert kaufen kann. Und es wandern auch immer mehr Bücher aus meiner kleinen islamischen Bibliothek mit hierher, nach jeder Reise nach Deutschland bringe ich ein paar mit. Da wundere ich mich manchmal, welche Schätze ich da so lange nicht in die Hand genommen habe. Hier wird es mehr und mehr zu meinem Zuhause.

Also, wenn ich nach einem knappen halben Monat Ramadan eine Zwischenbilanz ziehen soll: ich bin dankbar und zufrieden – nicht 100% zufrieden mit mir, aber ich habe diese Zeit doch besser genutzt als manche andere – und sie nicht „vertrieben“.

In der dritten Woche dieses Monats werde ich inschaAllah ein wenig geselliger sein, ich plane ein „Iftar“, ein Fastenbrechen mit Freundinnen. Und es steht die erste der besonderen heiligen Nächte an, die möchte ich auch gut nutzen. Ich werde berichten, inschaAllah!

Genug für heute! Ich wünsche allen muslimischen und nicht muslimischen Geschwistern einen weiteren gesegneten Monat!

Monat Ramadan 2019: Beflügelt

Bild von U Hd auf Pixabay

Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, so bin Ich nahe; Ich erhöre den Ruf des Bittenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie nun auf Mich hören und an Mich glauben, auf daß sie besonnen handeln mögen. (Heiliger Koran, Sure 2, Vers 186)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Im Monat Ramadan fällt vieles leichter. Klingt vielleicht sonderbar für die, die sich diesen Monat als eine einzige Quälerei vorstellen, voll Hunger und Durst. Und beides gibt es natürlich, manchmal auch unerträglich scheinend – aber oft fällt es eben viel leichter zu fasten, als in anderen Monaten. Das kennen glaube ich, viele Muslime, die Fastentage nachholen müssen. Es ist viel leichter in dieser Zeit, in der Milliarden Menschen auf der Welt fasten. Es ist z.T. diese Vorstellung, dass immer irgendwo auf der Erde jetzt gerade gefastet und anderswo das Fasten gebrochen wird, die ich sehr inspirierend finde. Die Gebetszeiten, die Fasten- und Essenszeiten wandern mit dem Sonnenstand um die Welt, wie eine große Welle von Glaubensgeschwistern stelle ich mir das vor, die gerade im Gebet stehen, oder sich niederwerfen, die ihren letzten Schluck trinken vor dem Fasten, oder die ihr Fasten jetzt gerade brechen.

Ich bin zwar praktizierende Muslima und in der Regel halte ich meine Gebetszeiten ein – aber die freiwilligen Gebete, die zusätzlich zu den Pflichtgebeten empfohlen sind, die lasse ich meistens weg. Letzte Nacht aber, als ich beschlossen hatte dass es so spät geworden sei, dass ich auch wach bleiben konnte bis zum Morgengebet, habe ich seit langer Zeit mal wieder das empfohlene Nachmitternachtsgebet gebetet.

Bild von Vlad Ymyr auf Pixabay

„Das Gebet ist die Himmelfahrt des Gläubigen“ heißt es. Meine täglichen Ritualgebete sind davon oft weit entfernt. Kaum stelle ich mich zum Gebet, gehen mir tausend unwichtige Dinge durch den Kopf und ich muss mich sehr anstrengen bei der Sache zu bleiben und das Gebet wirklich zu nutzen: als Auszeit von genau den Nichtigkeiten und als Ausrichtung von meinen eigentlichen Daseinszweck und als Gelegenheit, mich meinem liebenden Schöpfer zuzuwenden, um Verzeihung für die Fehler zu bitten, die ich seit dem letzten Gebet begangen habe und um Beistand für alle Herausforderungen die mir begegnen könnten, bis zum nächsten Gebet.

Es ist schon erstaunlich, wie sich das im Monat Ramadan verbessert. Bei mir sehe ich ziemlich deutlich, dass es auch daran liegt, dass ich mich zurückziehe, nicht so viel zu erledigen habe, sondern nur das Nötigste einkaufen gehe und möglichst viele anstrengende Termine auf die Zeit nach dem Monat Ramadan verschiebe. Gott sei Dank habe ich ja die Möglichkeit dazu, weil ich nicht mehr berufstätig bin – bis auf das bisschen das ich im Home-Office für den Minijob erledige. Aber da bin ich ja relativ flexibel mit meiner Zeit.

Also im Monat Ramadan bin ich etwas beflügelt und jedenfalls einige meiner Gebete kommen der Himmelfahrt näher. Und das Nachmitternachtsgebet ist dabei schon eine besondere Erfahrung. Es ist sehr ruhig – ich wohne sowieso recht ruhig, aber um diese Zeit hört man auch nix von der Straße, im Hotel nebenan ist keine Musik mehr und die Vögel haben ihr Morgengebet noch nicht begonnen, :-). Das ist die Gelegenheit, sich ganz auf die Annäherung an Gott zu konzentrieren und IHM alles zu sagen und IHN um alles zu bitten, was gesagt werden will und um das gebeten werden will.

Ich hoffe, ich nutze diese Gelegenheit noch öfters in diesem Monat und nehme die Erfahrung dann mit in das restliche Jahr. Was bei mir nicht funktioniert ist, dass ich mir so etwas fest vornehme. Dann boykottiere ich mich selbst. Lieber bewahre ich das gute Gefühl in mir und pflege es, damit die Sehnsucht danach wächst, diese Erfahrung möglichst oft zu wiederholen.